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Jean Louis Tulou: Méthode de Flûte – Flötenschule Rezensionen

 

Faksimile (Mainz 1853), herausgegeben von Karl Kaiser, Magdeburg 2021, Edition Walhall,  EW1175, € 29,80

 

Eine beträchtliche Zahl verschiedener historischer Flötenschulen liegt mittlerweile in Faksimile-Ausgaben zur Freude derjenigen Kenner, Liebhaber und Wissenschaftler vor, deren Interesse der Geschichte des Instruments, seiner Spiel- und Lehrweise gilt. Mit dem Nachdruck der zweisprachigen Méthode de Flûte – Flötenschule par Tulou ist die deutsch-französische Ausgabe des Schott Verlages (Mainz 1853) des epochemachenden Lehrwerks eines bedeutenden Repräsentanten der französischen Flötenschule nun auch wieder auf Deutsch zugänglich. Karl Kaiser hat es in der Edition Walhall herausgegeben.

 

Eine Faksimile-Ausgabe der französischen Fassung von Brandus et Cie. (Paris 1851) erschien 1973 bei Minkoff (Rezension von N. Delius in TIBIA 2/1989), 1995 eine englische Übersetzung von Janice Dockendorff Boland und Martha F. Cannon in der Indiana University Press.

 

Unklar war lange die ursprüngliche Editionsgeschichte dieser wichtigen Flötenschule aus der Zeit des Übergangs von der alten konischen Klappen- zur Böhmflöte. Auch Karl Ventzke vermochte in seinen „Bemerkungen zur Flötenschule op. 100 von Jean Louis Tulou“ (TIBIA 1/1991) die offenen Fragen nicht abschließend aufzuhellen. Inzwischen kann als gesichert gelten: Tulou veröffentlichte sein Lehrwerk um 1835 im Selbstverlag. Etwa 1849 übernahm es der Pariser Verlag Chabal in sein Programm und verwendete dabei offenbar Tulous Druckplatten. 1851 erschien Tulous Méthode bei Brandus, erweitert um einen Textabschnitt, eine Grifftabelle und zwei Musikbeispiele für eine Flöte mit C- und H-Fuß. Diese Ausgabe nennt auf ihrer Titelseite neben der Verlagsadresse – wie vorher auch schon Chabal – als weitere Handelspartner Ricordi (Mailand) und Schott (Mainz). Aber auch chez L’Auteur, 27. Rue de Martyrs, seinerzeit Adresse von Tulous Wohnung und Werkstatt, in Verbindung mit dem autographen Namenszug des Autors, findet sich als Bezugsadresse auf dem Titelblatt. Diese zuletzt genannten Details, in Verbindung mit dem Monogramm T in der Fußzeile einer jeden Seite der Flötenschule an Stelle einer Plattennummer oder eines anderen Verlagssignets, deuten darauf hin, dass erneut Tulous originale Druckplatten bei Brandus Verwendung fanden. Parallel zu dieser Ausgabe veröffentlichte 1852 Ricordi eine italienische Fassung. Der Schott Verlag in Mainz versah seine Ausgabe mit der Verlagsnummer 11317. Damit ist 1853 als Erscheinungsjahr anzunehmen. Zeitgleich hat es anscheinend mindestens drei Parallel-Ausgaben gegeben, ebenfalls um den Abschnitt zum C- und H-Fuß erweitert. Bei gleichem Inhalt und im Ganzen identischer graphischer und typographischer Gestaltung nennen die Titelblätter der verschiedenen Exemplare in unterschiedlicher Kombination bis zu fünf internationale eigene weitere Verlagsniederlassungen oder andere Handelspartner. Eine 2me Edition von Tulous Méthode, die offenbar auf der Chabal-Ausgabe basiert, also ohne die besonderen Ausführungen zum C- und H-Fuß, erschien 1864 bei Schonenberger in Paris. Diese diente ihrerseits, wie die identischen Plattennummern S 2745/46 nahelegen, als Vorlage für eine Ausgabe auf Spanisch (mit teilweise auch französischen Texten), die 1875 bei Lemoine in Paris herauskam. Ihr Titel: Gran Metodo compléto de Flauta adoptado por el Conservatorio por Tulou … op. 100. Weitere Ausgaben bis ins 20. Jahrhundert hinein bezeugen die Beliebtheit und weite Verbreitung der Méthode Tulous, die ab etwa 1842 offiziell als Lehrwerk am Conservatoire eingeführt wurde.

 

Zu diesem Zeitpunkt wirkte Jean Louis Tulou (1786–1865) in der Nachfolge seines Lehrers Johann Georg Wunderlich dort bereits seit 20 Jahren als Professor für Flöte. Schon als Fünfzehnjähriger galt Tulou als bester französischer Flötist. 1804 wurde er 1. Flötist am Théâtre Italien und folgte im Jahre 1813 seinem Lehrer als Soloflötist an der Grand Opéra nach. Auch in anderen Ländern schätzte die Musikwelt „diesen ausgezeichneten, weitberühmten und vielverdienten Flötenvirtuosen und Componisten“ (Schilling, Universal-Lexicon der Tonkunst. Supplementband, 1841). In Deutschland befand der gleichaltrige Louis Spohr, als Geigenvirtuose, Komponist und Lehrer kaum weniger bekannt und erfolgreich, „es ist unmöglich, einen schöneren Ton zu hören, als Herr Tulou seinem Instrument zu entlocken weiß. Seitdem ich ihn hörte, kommt es mir nicht mehr so unpassend vor, wenn unsere Dichter den Wohllaut einer schönen Stimme dem Flötenton vergleichen“ (Selbstbiographie, 2. Bd., 1861).

 

Tulous kompositorisches Schaffen umfasst etwa 130 Werke für Flöte. Bevorzugte Formen und Gattungen sind die seinerzeit beliebten Fantasien und Variationen, Solos, Duos und Konzerte – in passender Besetzung gleichermaßen geeignet fürs große Konzert wie für den bürgerlichen Salon. Die außerordentlich instrumentengerechte Schreibweise der auch noch heute gern gespielten Stücke ist ein Beleg für Tulous Anspruch an Tonqualität und technische Brillanz. Diese Eigenschaften seinen Schülern zu vermitteln in Verbindung mit größtmöglicher Reinheit der Intonation, war auch Ziel  des Unterrichts. Der Erfolg seiner Lehrweise spiegelt sich nicht zuletzt in der großen Zahl seiner Schüler, darunter Namen mit einem besonderen Klang in der Flötenwelt, wie James Gordon, Eugène Walckiers und Victor Coche, Louis Dorus, Henri Altès oder Jules Demersseman.

 

Der vollständige Titel der Flötenschule Tulous lautet Méthode de Flûte Progressive et Raisonnée, Adoptée par le Comité d’Enseignement du Coservatoire de Musique à Paris. Entsprechend  rational, methodisch durchdacht und in den Anforderungen fortschreitend bietet der Autor den Stoff seines Lehrwerkes dar. Die Gliederung orientiert sich traditionell an den Grundlagen des Flöte Spielens und Lernens: Haltung, Atmung, Ansatz, Tonbildung, Artikulation und Phrasierung, die Frage der körperlichen Eignung wird dabei nicht ausgespart. Klug ausgewählte Übungs- und Vortragsstücke, auch in Duettform, dienen dem Erwerb und der Vertiefung einer gediegenen Spieltechnik als Voraussetzung für einen ausdrucksvollen Vortrag. Eine klare Sprache in den erfrischend knapp gefassten Texten und sprechende Abbildungen erleichtern das Verständnis und halten das Interesse wach. Tulous eigenes Instrument, dem er zeitlebens treu blieb, ist die 5-klappige Flöte. Zwar verkennt er nicht grundsätzlich die mögliche „Nützlichkeit“ von Klappen für bestimmte Triller oder schwierige Griff-Verbindungen. Doch hält er ihre übermäßige Vermehrung für „Spielereien der Liebhaber“. Für „eine Flöte mit C-Fuß (sind) 8 bis 10 Klappen“ in seinen Augen die „gewöhnliche“ Ausstattung. Gleich in der Einleitung zu seiner Méthode begründet er seine Ablehnung der Neuerungen an den Flötenmodellen Gordons und Böhms. Mit diesen sei sein Klangideal für die Flöte, „im piano einen weichen und runden, im forte einen schwingenden und klangvollen Ton“ hervorzubringen, nicht zu erreichen. Die Überschrift des ersten Kapitels lautet im Original denn auch: De la Qualité du Son. Seine eigene, für die Zeit ungewöhnliche und neue Methode, den Ansatz zu üben und zu festigen, liegt darin, zunächst einfach das Instrument mit beiden Händen an den Mund zu halten und auf diese Weise ein cis² hervorzubringen, ohne einen anderen bestimmten Ton zu greifen. Danach erst solle man sich schrittweise, mit richtig platzierten Fingern, den übrigen Tönen, die D-Dur-Tonleiter hinabsteigend, zuwenden. Ausdrücklich verwirft Tulou, die seit Devienne übliche Methode, Tonleitern sogleich mit einer messa di voce auf jedem Ton zu üben, also – wie in der alten Sängerübung und -verzierung, und von Quantz zu den „wesentlichen Manieren“ gerechnet – nach einem Piano-Beginn den Ton anschwellen zu lassen bis zum Forte und wieder zum Piano zurückzuführen. Er nennt dies, mit Blick auf den noch unsicheren Ansatz der Anfänger, ein „schlechtes Verfahren“ (mauvais principe), das zu einem „Falschspielen“ (jouer faux) führe. Stattdessen rät er, die Töne einer Tonleiter „mit vollem Atem“ zu spielen und „bis ans Ende“ auszuhalten. Der Atmung widmet Tulou breite Aufmerksamkeit, jedoch weniger als physisch-physiologisches Problem, als vielmehr unter künstlerischen Aspekten. Seiner Meinung und Erfahrung nach ermöglicht nur richtiges Atmen, d. h. an den musikalisch richtigen Stellen, eine gute Phrasierung. Und richtige Phrasierung verhilft dem Bläser zu einer unangestrengten und unauffälligen Atmung.

 

Tulous Interesse galt auch Verbesserungen in der Bauweise seines Instruments. Mit Jacques Nonon als Partner begann er 1831 eine Partnerschaft zur Herstellung eigener Instrumente. Er wollte den typischen Klangcharakter der „alten“ Flöte, der flûte ordinaire, erhalten und lehnte die Neuerungen, welche die flûte Boehm in spieltechnischer und klanglicher Hinsicht mit sich brachte, strikt ab. Bis zum Ende seiner Tätigkeit am Conservatoire wusste er die Einführung der Böhmflöte dort zu verhindern. Tulou modifizierte die Bohrung des Instruments, um eine Verbesserung der Klangeigenschaften zu erreichen. Den gebräuchlichen Klappen fügte er mit seiner Fis-Klappe eine weitere hinzu, die sich, auch international, an anderen Flöten jener Zeit nicht findet. Diese Klappe dient dazu, „das Fis zu erhöhen“, um ihm „alle nur wünschenswerte Reinheit“ zu verleihen. Das Anliegen steht in Zusammenhang mit dem allgemeinen Bestreben, die Intonation eines Tones deutlich zu erhöhen, wenn dieser in seinem harmonischen Kontext Leittonfunktion erhält. Schon Berbiguier hatte dieser Frage in seiner Nouvelle Méthode pour la Flûte (ca. 1818) unter dem Aspekt der Grifftechnik ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Tulou demonstriert in seiner Méthode die Vorzüge seiner Flûte Perfectionnée, einer Flöte mit C-Fuß und allen ihm sinvoll erscheinenden Klappen, in eindrucksvoller Konsequenz. In einer Tabelle zeigt er sämtliche Möglichkeiten, für alle in Betracht kommenden Töne bis c4 mit Sondergriffen die gewünschte Leitton-Erhöhung zu erreichen. Die notwendigen Übungen zu allen technischen Aspekten, wie z. B. Tonleitern, Artikulation oder Verzierungen, handelt Tulou wohldosiert und sachlich knapp in entsprechenden Etüden ab. Spitzentöne bis b3 oder h3 werden dabei so wenig ausgespart wie entlegene Tonarten mit bis zu sechs Vorzeichen.

 

Bei aller Rationalität und allem Anspruch an Professionalität in der Sache verliert Tulou nie die Situation des Schülers aus dem Auge. Er weiß, „Uebungen ohne Melodie sind im Allgemeinen ohne alles Interesse.“ Deshalb hat er auch nicht nur „bekannte Autoren“ seiner Zeit, wie Haydn, Mozart, Beethoven, Rossini oder Donizetti für seine Musikbeispiele herangezogen, sondern als Komponist auch selbst seinen Anteil an Übungs- und Vortragsstücken beigetragen. Er weiß, „ die Schüler werden hiermit durch eine gewisse Freudigkeit zum Ueben angespornt und ihre Fortschritte schneller sein.“

 

Die Aufmachung des dem Rezensenten vorliegenden Exemplars des Faksimile von Tulous Méthode lässt dieses zunächst als eine Ausgabe des STUDIO PER EDIZIONE SCELTE, Florenz, erscheinen, seit Jahrzehnten bekannt für seine vorbildlichen Neuausgaben alter Drucke von Musik und Literatur für Flöte. Ein zweiter Blick führt jedoch zu dem Eindruck, dass es sich, bis in Einzelheiten der Umschlaggestaltung, dem Anschein nach um eine Imitation handelt. Im Inneren stört sich der Blick an einem wenig einladend wirkenden Druckbild. Zwar sind Format des Buches und des Druckbildes der Notenbeispiele erfreulicherweise dem Original angenähert. Doch scheint der Text, besonders in den kursiv gedruckten Teilen, leicht zu verschwimmen; einzelne Buchstaben fehlen oder sind unleserlich. Die informative und im Original sehr genau gezeichnete Skizze von Tulous Flûte perfectionnée ist undeutlich wiedergegeben, die Lage der Klappen teilweise kaum zu erkennen, die Kontur des Instruments verläuft am Ende des Fußes im Nirgendwo, die Werkstattzeichen fehlen an allen drei Teilen der Flöte. Es hat den Anschein, als hätte eine im Internet frei zugängliche Kopie als Vorlage für diese „Faksimile“-Buchausgabe gedient. Auf sämtlichen Seiten ist darüber hinaus in der untersten Zeile die originale Platten-Nummer (s. o.) getilgt und durch ein Monogramm des aktuellen Verlages mit einer nachfolgenden Ziffer („EW 1175“) ersetzt worden. Welchen Sinn soll das haben bei einem Faksimile-Nachdruck? Fragen an Redaktion und Lektorat werfen auch die beiden Seiten des deutsch- und englischsprachigen Herausgeber-Vorwortes auf. Nicht ein einziges Mal erhält darin das Wort Méthode, in seiner französischen Form gebraucht, den ihm doch zustehenden accent aigu (é). In der deutschen Version des Vorwortes fehlt in der vorletzten Zeile nach der Zeilenmitte zum vollständigen Verständnis des Satzes ein Artikel, während in der englischen Fassung mindestens sechsmal „Tolou“ statt Tulou zu lesen ist.

 

Insgesamt: Eine verpasste Gelegenheit, einem lange im Verborgenen schlummernden Schatz der Flötenliteratur wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Die Méthode de Flûte des bedeutenden französischen Flötisten und Lehrers weist in ihrer Bedeutung weit über die Zeit ihres Erscheinens und das Instrument, dem sie gewidmet ist, hinaus. Sie hätte ein anspruchsvolleres und ansprechenderes Gewand verdient.

 

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