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Carl Friedrich Abel: Sechs Cembalosonaten Op. II Rezensionen

 

mit Begleitung einer Violine oder Flöte und eines Violoncellos (Hg. Günter und Leonore von Zadow), Heidelberg 2020, Edition Güntersberg,

Band 1: Sonaten I und II,  Partitur und Stimmen, G351, € 18,00

Band 2: Sonaten III und IV, Partitur und Stimmen, G352, € 16,50

Band 3: Sonaten V und VI, Partitur und Stimmen, G353, € 16,50

 

Six Sonates pour le Clavecin qui peuvent se jouer avec l’accompagnement de Violon ou Flaute Traversiere. Dies ist nicht der Originaltitel des vorliegenden Opus II von Abel aus dem Jahre 1760, sondern der, des ebenfalls in London komponierten Opus III vom achtjährigen Wolfgang Amadeus Mozart. Dieser widmet es 1765 der englischen Königin Charlotte und fügt den persönlichen Wunsch hinzu, selber „unsterblich zu werden wie Händel und Hasse“ und dass sein Name „ebenso berühmt werden möge wie der Bachs“, (in diesem Falle natürlich Johann Christians!); damit wolle er seinem Vaterland ebensolchen Ruhm verschaffen wie die genannten Komponisten.

 

Die Musikwissenschaft und die Herausgeber haben lange mit sich gerungen, wie sie diese Sonaten (KV 10–15) einordnen sollten: sind es (begleitete) Cembalowerke oder Flöten- oder Violinsonaten? Oder gar Klaviertrios? Denn: der Originaltitel des Drucks verschweigt, dass auch noch eine von Leopold Mozart geschriebene Violoncellostimme existiert. Und so haben die 6 Sonaten in der Neuen Mozart-Ausgabe ihren Platz unter den Klaviertrios gefunden.

 

Damit wären wir dann auch beim Titel von Carl Friedrich Abels Sonaten op. II: 

Six Sonatas for the Harpsichord with Accompanyments for a Violin or German Flute and Violoncello.   

Wir wissen um die engen Kontakte zwischen Mozart, Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel in London (die beiden letzteren wohnten als Freunde und Geschäftspartner im selben Haus). Wir wissen, dass Mozart von Bach Unterricht erhalten hat und dass er u. a. auch eine Sinfonie Abels (Es-Dur op VII, 6) eigenhändig kopiert hat, die dann als Nr. 18 im Köchelverzeichnis gelandet ist.

 

Wir haben es hier bei den Sonaten op. II von Abel mit einem Genre zu tun, das sich nicht nur in London einer ungeheuren Beliebtheit erfreute, weshalb es die Mozarts für opportun erachteten, gerade mit einer solchen Werkgruppe an die Öffentlichkeit zu treten.

 

Der Herausgeber Günter v. Zadow druckt im Vorwort ein Faksimile von Abels Abonnentenliste ab, die sämtliche bedeutenden Persönlichkeiten des damaligen britischen Musiklebens enthält, darunter Charles Avison und Charles Burney (mit jeweils 6 Exemplaren), Thomas Linley, Stephan Paxton, Felice Giardini, aber auch den Maler Thomas Gainsborough. Von den Werken erschienen in den Folgejahren auch noch Druckausgaben in Paris und Leipzig.

 

Dass der junge Mozart diese Sonaten Abels als Vorbild für seine 6 Sonaten genommen hat, ist evident, zumal das von der Besetzung her entsprechende Opus II von Johann Christian Bach erst 4 Jahre später erschien.

 

Es mag vor allem musiksoziologische Gründe haben, weshalb dieses Genre so populär war: Strukturell haben wir es zu tun mit Cembalosonaten (bei Abel 5 zweisätzigen und einer dreisätzigen). Der durchaus anspruchsvolle, aber für ausgebildete „Dilettanten“ technisch gut darstellbare Part enthält alle wesentlichen Komponenten der Kompositionen. Man könnte sie in der Tat (fast) auch ohne die begleitenden Instrumente spielen – aber eben nur fast, da an einigen Stellen doch die Violine resp. Flöte neben Terzausfüllungen, Imitationen oder Liegetönen kurze, aber  unverzichtbare melodische Beiträge liefert. Die Cellostimme ist – ebenso wie im Falle der Mozartschen Sonaten – lediglich eine klangliche Verstärkung des Cembalobasses wie auch bei J. Haydns frühen Klaviertrios (oder noch 1788 bei CPE Bachs späten Trios oder Quartetten). Dieser Part wäre in der Tat am ehesten verzichtbar.

 

Die Stimme für das begleitende Melodieinstrument ist für Spieler mit bescheidenen virtuosen Fähigkeiten gedacht. Für die Flöte ist der Part sehr wenig idiomatisch, man mag sogar vermuten, dass das Blasinstrument nur aus verkaufstechnischen Gründen im Titelblatt auftaucht. (Auch wenn es sich um stilistisch völlig verschiedene Musik handelt, hat man als Flötist eine ähnliche Aufgabe wie bei den 1741 erschienenen Pièces de Clavecin en Concerts von Jean-Philippe Rameau: hier wie dort heißt es, sich in die Gesamttextur aus Tasten- und Streichinstrument klanglich nahtlos zu integrieren und ab und zu mal zu tief liegende Passagen nach oben zu oktavieren).

 

Dem Verlag Güntersberg und seinen Herausgebern Günter und Leonore v. Zadow ist wieder einmal doppelt zu danken: zum einen, dass sie sich des Komponisten Abel unbeirrt annehmen und bereits mehrere wichtige Werke (auch solche ohne Gambenbeteiligung) veröffentlicht haben, zum anderen, dass sie dies in solch wunderbaren Editionen tun, die in Sachen Editionstechnik, Quellentreue, Druckqualität, Aufmachung, Stimmenmaterial, aber auch Praktikabilität für mich z. Zt. die schönsten Notenausgaben in unserem gesamten Metier darstellen.

 

Wer einen Eindruck vom musikalischen Geist der Epoche des jungen Mozart bekommen möchte, dem seien diese Stücke dringend ans Herz gelegt!

 

 

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