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Johann Mattheson: Der brauchbare Virtuoso Rezensionen

 

 

zwölf Sonaten für Traversflöte und Basso continuo (Hg. Roland Steinfeld), praktische Ausgabe in vier Bänden, Bergheim 2020, Edition Dohr

Band 1: Sonatas I–III, Partitur und Stimmen, E.D. 19031, € 24,80

Band 2: Sonatas IV–VI, Partitur und Stimmen, E.D. 19032, € 24,80

Band 3: Sonatas VII–IX, Partitur und Stimmen, E.D. 19033, € 19,80

Band 4: Sonatas X–XII, Partitur und Stimmen, E.D. 19034, € 19,80

 

 

Ja, es gibt offenbar nicht nur den „brauchbaren“ Virtuoso, sondern auch den „schändlichen und unbrauchbaren“!: ein „dummer Schöpes, doch dabey von großer Einbildung“!

 

Er wird in einem Atemzug genannt mit „Fressen, Saufen, Unverschämtheit, Toback-Gestanck, Unhöflichkeit, Unreinlichkeit, Gottlosigkeit, Schweren, Fluchen, Verläumden, Schelten, garstigen Reden und Thaten, Falschheit, Vergeudung, Faulheit, Müßiggang und dergleichen“. All dies nachzulesen in der ausführlichen, in einen Prologus, drei Acte und einen Epilogus unterteilten Vorrede von Johann Matthesons Der brauchbare Virtuoso mit 12 Sonaten für Traversflöte (oder Violine und B. c.). (Auffällig, dass auch Leopold Mozart in seinem „Versuch“ vom „Virtuosen von der Einbildung“ spricht.) Auch wenn keine Namen genannt werden, wussten diese Autoren (und sicher auch ihre damaligen Leser) offenbar genau, wer da mit der Aufzählung der oben genannten Tugenden gemeint war!

 

„Mattheson als Musikschriftsteller“ ist ein Thema für sich: er gehört heute zu den meist zitierten Autoren zur Musikästhetik des 18. Jahrhunderts, auch wenn die wenigsten sich durch seine vielen tausend Seiten mit ihrer oft bissigen Polemik durchgelesen haben dürften.

 

„Mattheson als Komponist“ ist dagegen ein anderes Thema: trotz immer wieder unternommener Anläufe von Seiten heutiger Musiker konnte er sich hier noch nicht so recht als Großer seiner Epoche durchsetzen.

 

Die Partituren eines großen Teils von Matthesons Werken sind im 2. Weltkrieg bei der Bombardierung Hamburgs verbrannt. Insofern wird es schwer sein, seine Bedeutung einmal wirklich einschätzen zu können. Er befand sich aber offenbar in einer Art stillem Wettbewerb mit andern Größen seiner Zeit wie Händel oder Keiser, was z. B. die Publikation seiner Cembalosuiten bzw. seine Mitgliedschaft im Club der „Brockes-Passion“-Vertoner nahelegt.

 

„Der brauchbare Virtuoso, welcher sich (nach beliebiger Überlesung der Vorrede) mit 12 neuen Kammersonaten auf der Flute Traversière, der Violine und dem Claviere bei Gelegenheit hören lassen mag“ wird in dieser 4-bändigen Ausgabe der Edition Dohr zum ersten Mal komplett in modernem Druck vorgelegt. (Ich kenne ansonsten nur die Ausgabe einer der Sonaten bei Schott, die Hugo Ruf in den 1960er Jahren veröffentlichte.)

 

Es werden vom Verlag zwei praktische Ausgaben in jeweils 4 Bänden für Violine oder Flöte und B. c. sowie auch ein Sammelband mit allen 12 Sonaten angeboten. Letztere enthält zudem die 14-seitige Vorrede als Faksimile und in moderner Übertragung. Mir liegen hier die 4 Bände der Flötenausgabe vor.

 

Es ist zweifelhaft ein Verdienst von Roland Steinfeld und der Edition Dohr, diese Werke der heutigen Praxis zugänglich zu machen! Der Faksimile-Druck ist zwar leicht zu beschaffen (und wurde auch schon modern herausgegeben), ist aber für die Praxis unbequem zu lesen wegen seines altertümlichen Notendrucks.

 

Die 12 Sonaten sind ein sehr frühes Beispiel für spezifische deutsche Traversflötenmusik. Sie waren bereits 1717 fertig komponiert, erschienen wegen Problemen mit dem Drucker aber erst im Jahre 1720. Mattheson bedauert dieses späte Erscheinen, weil er nach eigener Aussage 1720 schon etwas „galanter“ komponiert hätte. Das gesamte Opus ist den Brüdern Johann Heinrich und Dietrich Dobbeler gewidmet, ersterer als Cembalist ein Schüler Matthesons, der andere als Flötist Mitglied seiner Kapelle.

 

Die 12. Sonate trägt über dem ersten Satz den Hinweis „alla Corelli“. Es ist aber beileibe nicht der einzige Satz, in dem Mattheson seine Verbundenheit mit diesem Vorbild an den Tag legt. Vielmehr durchzieht das Vorbild von Corellis op. V alle zwölf Sonaten. Auch andere (wohl seiner Meinung nach „brauchbare“) Komponisten wie Muffat und Buxtehude werden mehr oder minder offen zitiert. Corellis Adagii, aber auch seine imitierenden kontrapunktischen Allegri sowie die Tanzsätze Allemanda, Corrente, Sarabande, Gavotta und Gigue liegen den meisten von Matthesons Sonaten als Muster zu Grunde.

 

Spielt man die Stücke nach der neuen Ausgabe durch, stellt sich irgendwann ein Gefühl der Ernüchterung ein, verbunden mit dem deutlichen Eindruck, dass hier etwas fehlen müsse! (Blockflötisten kennen diesen Eindruck, wenn sie immer wieder mal versuchen, mehrere der unzähligen Sonaten von J. B. Loeillet de Gant durchzuspielen.) Es ist naheliegend, welche zwei Komponenten fehlen, bis man ein „brauchbarer Virtuoso“ ist: Manieren und Generalbass.

 

Italienischer Praxis entsprechend enthält der Notentext außer gelegentlichen Kadenztrillern weder Wesentliche noch ausnotierte Willkürliche Manieren. Beides gilt es selbstverständlich in reichem Maße und im entsprechenden Geschmack hinzuzufügen. Aber vielleicht noch wichtiger dürfte der Generalbassaspekt ins Gewicht fallen: Der Herausgeber Roland Steinfeld weist immerhin darauf hin, dass „stilistische Praxis und Geschmack beim Continuo-Spiel heutzutage stark von jenen Beispielen abweicht, die Matthesons Zeitgenossen wie auch Mattheson selbst in ihren Generalbass-Schulwerken geben“. Dies zeigt sich auch in seiner Aussetzung, die zwar im Sinne heutiger Harmonielehre absolut korrekt ist und nur die nötigste harmonische Realisierung bereitstellt, aber mit Matthesons eigenen Generalbasslehren nicht viel zu tun hat. Schließlich war dieser mit seiner „Kleinen“ (1734) und der ca. 500 Seiten umfassenden „Großen Generalbassschule“ (1731) einer der führenden Theoretiker (und sicher auch Praktiker) dieses Metiers – und es wäre sehr unwahrscheinlich, dass sein eigener Schüler Dobbeler auf dem Cembalo nicht die Lehren seines Meisters umgesetzt hätte.

 

Es existiert eine Gesamteinspielung aller 12 Sonaten aus dem Jahr 1990 mit Toke Lund Christiansen und Jesper Bøje Christensen, (die man übrigens auch bei YouTube anhören kann). Sie mag in mancher Sicht heute überholt sein, man kann jedoch einen Eindruck davon bekommen, inwieweit „informiertes“ Generalbassspiel das klangliche Endergebnis prägt.

 

Wer ein „Brauchbarer Virtuoso“ werden will, dem bleibt bei der Ausführung dieser Werke nichts anderes übrig, als sich einerseits intensiv mit den gestalterischen Aspekten in Bezug auf die Oberstimme, andererseits mit den für Mattheson relevanten Generalbassquellen auseinander zu setzen. Nur so wird man die einzelnen Sonaten zu Individuen machen können, die auch dem Zuhörer im Gedächtnis bleiben.

 

Es ist zweifellos gut gemeint, wenn in der Neuausgabe der bezifferte Bass zusammen mit der Flötenstimme abgedruckt ist und wenn auf Blätterstellen Rücksicht genommen wird (manche Sätze sind recht lang!). Leider werden dadurch aber die Noten im Layout so klein (kleiner als in der Partitur), dass das Lesen auch hier wieder zur Mühe werden kann.

 

Die Ausgabe möge dazu beitragen, dass der „brauchbare Virtuoso“ wieder eine Chance bekommt, ins Flötenrepertoire aufgenommen zu werden. Vergleicht man die Sonaten etwa mit  denen Telemanns, zeigt sich, dass sie, wie ja schon Mattheson selbst formulierte, in einem deutlich altmodischeren Stil komponiert sind, als dem in den 20er Jahren sich entwickelnden Galanten Stil, dem Telemann dann spätestens in seinen „Methodischen Sonaten“ in aller Breite huldigt.

 

Da das originale Traverso-Repertoire arm an Musik aus dieser frühen, noch deutlich Corelli und seinen Zeitgenossen verpflichteten Schreibart ist, repräsentieren die Sonaten Matthesons eine ganz eigene Region auf der stilistischen Landkarte des frühen 18. Jahrhunderts.

 

 

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