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Martín Kutnowski: Al ver mis horas de fiebre Rezensionen

 

pour flûte (ou violon) et piano, Paris 2017, Billaudot, Partitur und Stimmen, G 9399 B

 

Al ver mis horas de fiebre (meine Fieberstunden sehend) ist die Anfangszeile eines Gedichts von Gustavo A. Bécquer (1836–1870), einem erst nach seinem frühen Tod bekannt gewordenen Dichter der spanischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Eine seiner Gedichtsammlungen trägt den schlichten Titel Rimas (Reime), in der auch Einflüsse des deutschen Dichters Heinrich Heine anklingen.

 

Die Anfangszeilen von drei dieser Gedichte haben als Inspiration für die hier vorliegenden Stücke gedient, die der argentinische Komponist Martín Kutnowski als instrumentale Vertonung des poetischen Inhalts versteht. Die Sammlung wurde 2011 komponiert und 2017 verlegt.

 

Nach Studien- und Lehrjahren in New York ist Martín Kutnowski Professor für Musik und Direktor der Abteilung für Bildende Künste & Musik an der Saint Thomas University in Fredericton, New Brunswick, Kanada.

 

Obwohl der Besetzungsvorschlag für die Oberstimme neben Flöte auch die Violine enthält, könnte das Stück gar nicht besser für die Flöte angelegt sein: es ist ein durch und durch effektvolles Showpiece für Flöte und Klavier. Martín Kutnowski verbindet die romantische Tonsprache des 19. Jahrhunderts mit Volksmusikelementen seiner südamerikanischen Heimat und verwendet moderne Spieltechniken wie Glissando und Flatterzunge nur sehr sparsam. Die drei expressiven Stücke bieten den Interpreten alle Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen: zarte Kantilenen, impressionistische Melodielinien, galante Ausflüge in Tango und Jazz-Floskeln, große dynamische Entfaltungsmöglichkeiten, virtuose Läufe und melodramatische Momente. Der mittlere bis hohe Schwierigkeitsgrad in beiden Stimmen ergibt sich vor allem aus den Anforderungen an ein extrem wandelbares müheloses und subtiles Spiel. Vielleicht ist es gut, mit dem dritten Satz Cendal flotante de lege bruma (schwebender leichter Nebel) zu beginnen, in dem die Elementargeister der Lüfte angerufen werden: ein sanfter ätherischer Anfang, gefolgt von Sturm, Ekstase und Leidenschaft und mit wildem Temperament endend. Die genannten Stichworte sind in die Komposition hineingeschriebene Spielanweisungen, die nicht suggestiver sein könnten. Der erste Satz Si al mecer las azules campanillas (beim Läuten der blauen Glocken) und der zweite Al ver mis horas de fiebre, der dem Heft den Titel gegeben hat, sind komplizierter, aber durchaus erreichbar, in jedem Fall erstrebenswert.

 

Al ver mis horas de fiebre ist von der ersten bis zur letzte Note ein spektakuläres Erlebnis für Spieler und Publikum. Mit einer Spielzeit von ungefähr 15 Minuten könnte man rund um dieses Werk ein wunderbar suggestives Kammermusik-Programm mit neuer und alter Musik kreieren. Auch zu empfehlen: Kutnowskis 12 Etudes dans le Style du Tango für Flöte solo, ebenfalls bei Billaudot erschienen.

 

Wer gerne hineinhören möchte, dem sei die exzellente Einspielung von Frédéric Chatoux (Flöte) und Bertrand Giraud (Klavier) für Anima Records empfohlen.

 

 

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