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„Letztlich haben mich die Anforderungen geformt“ Michael Schneider im Gespräch mit Leonard Schelb Porträts

 

 

Leonard Schelb studierte Blockflöte und Traversflöte an den Musikhochschulen in Freiburg, Frankfurt und Basel. Sein besonderes Interesse gilt der deutschen und französischen Barockmusik, die er mit tiefen Einblicken in die Quellenlage und durch sein großes Interesse an Satztechnik immer weiter zu differenzieren sucht.

 

Engagements als Flötist bei bedeutenden Ensembles und Orchestern (z. B. Akamus Berlin, Freiburger Barock-Orchester, La Stagione Frankfurt, Bach-Orchester Mainz, Concerto Köln, Nuovo Aspetto mit Valer Sabadus) und als Solist führten ihn zu Festivals und Konzertreihen in ganz Deutschland und Europa sowie Syrien.

 

Leonard Schelb hat seit 2018 die Professur für Traversflöte an der HfMT Köln inne und lehrt auch an der RSH Düsseldorf. Seine bisherigen Einspielungen wurden von der Fachpresse mit Begeisterung aufgenommen

 

Mit ihm sprach Michael Schneider.

 

 

Michael Schneider: Lieber Leo, du verkörperst ja einen Typ Flötisten, den es heute nur noch recht selten gibt! Du bist wie früher etwa Hans-Martin Linde, Günther Hlöller oder Konrad Hünteler sowohl auf der Block- als auch auf der Traversflöte zu Hause, hast jedenfalls beide Instrumente in deiner Ausbildung gleichermaßen bedacht. Wo siehst du dich selbst? Moderne Flöte hast du aber nie gespielt, oder?

 

Leonard Schelb: … und dich und Christoph Huntgeburth natürlich nicht zu vergessen!

Nach dem Studium hatte ich die Blockflöte ja zunächst ad acta gelegt, da ich auf der Traversflöte immer noch große Lücken hatte, die ich unbedingt schließen wollte. Da war das Wechseln zwischen den Instrumenten für mich noch keine Selbstverständlichkeit und daher etwas hinderlich auf der Traversflöte. Ich habe die Blockflöte als Spieler, ehrlich gesagt, zunächst auch gar nicht vermisst!

 

Dann kamen aber einige Anfragen, wo ein Spieler beide Instrumente beherrschen können sollte, und da das heute eben nicht mehr so Viele machen, war ich plötzlich glücklicherweise gezwungen, mich wieder mit dem Instrument zu beschäftigen. Heute spiele ich wieder richtig gerne Blockflöte, baue sie auch in meine Programme ein und genieße den großen Luxus, nur das zu spielen, was nach meinem Geschmack gut auf der Blockflöte geht. Mit anderen Worten: ich fühle mich wie ein sehr guter Laie, der auch in großen Konzerthäusern mit der Blockflöte auftreten darf.

 

Moderne Flöte habe ich nie gespielt, aber da ich das Brahms-Requiem sehr liebe, kann ich die Flötenstimme auf einer historischen Böhmflöte spielen, was je nach Stimmton auch sehr gut gehen kann. Ich mag moderne Flöte immer mehr, und ich denke nicht zuletzt durch die Alte-Musik-Bewegung hat sich die Ästhetik dieses Instruments in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich zum Besseren verändert.

 

MS: Zu deinem Profil gehört ja noch Einiges mehr: An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt hattest du deinen ersten Lehrauftrag für Renaissanceflöten-Consort und mittelalterliche Aufführungspraxis, d. h. du bist auf jeden Fall auch noch forschend unterwegs – und das auch in verschiedensten Epochen. Wie sieht es aus mit dem 19., 20. und 21. Jahrhundert? Gibt es noch andere „Baustellen“ für dich?

 

LS: Ja stimmt! Meine erste Lehrerfahrung habe ich mit der Frühen Musik gesammelt. Das war sehr spannend und wirklich aufregend, denn in den Hochschulkonzerten musste mit allem gerechnet werden, da ich mit den Studenten aus den Originalnoten bis ins 15. Jahrhundert zurück musiziert habe.

 

Ich habe nie so sehr geschwitzt wie dabei. Leider ist dieses Thema bei mir zur Zeit ganz in den Hintergrund gerückt, wobei ich diese Musik nach wie vor besonders wertschätze. Wenn ich Musik dieser frühen Epochen höre, werde ich wirklich ein wenig wehmütig.

 

Letztlich haben mich die Anforderungen geformt, und es führte über kurz oder lang kein Weg an den späteren Instrumenten vorbei. Auch wenn ich mich anfangs mit den Klappenflöten sehr schwer tat – was für einen waschechten Blockflötisten vermutlich gar nicht anders sein kann – macht das Instrument doch sehr viel Freude und es gibt vor allem für's Orchester schöne und anspruchsvolle Werke. In der Tat ist das momentan eine meiner Baustellen in der Hinsicht, dass ich mich gerne auch mit den romantischen Instrumenten solistisch noch mehr einbringen möchte. In der derzeitigen Krise habe ich daran sehr viel gearbeitet und es entwickeln sich immer mehr Ideen. Bei mir geht so etwas immer recht langsam vonstatten.

 

Das 20. und 21. Jahrhundert habe ich mit meinem ersten Ton auf der Traversflöte hinter mir gelassen. In meiner Jugend habe ich fast nur Neue Musik gespielt und auch in bescheidenem Umfang komponiert. Doch gibt mir persönlich die Neue Musik zu wenig zurück, als dass ich mich da wirklich engagieren wollte! Gelegentlich spiele ich (meist) bei Uraufführungen mit. Es fasziniert mich und natürlich bemühe ich mich, so raffiniert zu spielen, wie ich es kann. Aber die Musik des Barock stellt aus der ganzen Musikgeschichte diejenige dar, die mich als Spieler am meisten berührt – und da ist doch der Abstand zu weit! In der Hinsicht bin ich sehr konservativ, aber ich schätze es, ein „Zuhause“ zu haben.

 

MS: In Köln hast du die Professur für Traversflöte inne; auch in Düsseldorf kümmerst du dich um Traversflötenausbildung. Welchen Stellenwert hat für dich das Fach an einer Musikhochschule.

Brauchen wir viele junge Traversflötenspieler(innen)?

 

LS: Ich fange hinten an: nein, mengenmäßig leider nein! Es müsste sich schon vieles ändern. Leider hat unser Instrument keinen eingefleischten Fan-Club und keine „Lobby“ so wie die Blockflöte, Gambe oder das Cembalo. Im Orchester der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es auch nur geschätzt in jedem fünften oder achten Werk für die Traversflöte etwas zu tun – die eine Arie, die wir bei Händels Werken oft zu spielen haben, wird dann häufig aus Spargründen gestrichen oder anderweitig besetzt.

 

Und dennoch muss es das Fach in meinen Augen an den Hochschulen geben! Die Traversflöte ist DAS Flöten-Instrument der Aufklärung. Es steckt so viel Wahrheit im Umgang mit ihr, dass es nachhaltig jegliches Flötenspiel beeinflusst. Ausnahmslos alle Studenten, selbst wenn sie nur wenige Semester von der modernen Flöte kommend in die Traversflöte schnuppern, berichten von großen Entdeckungen für sich selbst als Flötisten. Der Umgang mit der Zunge, der Windgeschwindigkeit und dem Ansatz muss in so vielfältiger Weise betrachtet werden, auch in direktem Bezug auf die Interpretation, dass die Aufklärung immer spürbar im Raum anwesend ist – die Traversflöte verzeiht einfach keine Unüberlegtheiten. Damit erfüllt sich auch eine Prophezeiung der aufgeklärten Philosophen, dass nämlich die Aufklärung niemals als abgeschlossen betrachtet werden können wird. Viele Solo-Flötistinnen und -Flötisten aus den Orchestern entwickeln derzeit ein großes Interesse an der Traversflöte. Dieses Instrument ist eine Bereicherung auch für die moderne Flöte!

 

Von meinen eigenen Hauptfachstudenten kann ich nur berichten, dass sie den pessimistischen Blick in die Zukunft nicht teilen –  nicht, weil sie sich der Realität verschließen, sondern weil sie das Studium in erster Linie für sich selbst und ihr Fortkommen gestalten. Das finde ich äußerst bewundernswert!

 

Und am Ende: wir brauchen qualitativ die Traversflötisten und -flötistinnen. Die Traversflöte ist von ihrer Persönlichkeit her ein sehr kunstvolles und subtiles Instrument, das mit leisesten Tönen sehr berührend sein kann. Sie verkörpert einen Teil der (Ausdrucks-)Welt, der ihr auf den Leib geschneidert ist.

 

MS: Da hast du natürlich recht!

Du hast einige konzeptionelle CDs herausgebracht, darunter gerade eben eine unter dem Titel Toucher Bach – eine Neuaufnahme mit allen Sonaten für Flöte und obligates Cembalo von Johann Sebastian Bach. Darauf spielst du auch Block- und Traversflöte, auf Blockflöte erstaunlicherweise ausgerechnet die Es-Dur-Sonate, ein sehr galantes Stück. Wie kamst du dazu?

 

LS: Ja das ist eine berechtigte Frage! Das war natürlich keine unüberlegte und erst recht keine einfache Entscheidung, zumal einige befreundete Kollegen mir sehr davon abgeraten hatten. Im Vorfeld der Aufnahme habe ich mich über Jahre mit den Sonaten auseinandergesetzt. Unter anderem habe ich eine neue Vervollständigung von BWV 1032 gefertigt. Die große Frage aber ist immer, welche Position man zu der g-Moll- und der Es-Dur-Sonate bezieht. Ich kann mich an viele Abende in der Hängematte erinnern, wo ich über die Problematik gelesen und nachgedacht habe.

 

Ich bin zunächst auf ein Indiz gestoßen, was die Tonartenfolge der Sätze betrifft. Der Mittelsatz in g-Moll befindet sich in der falschen Terzverwandtschaft zu den Ecksätzen in Es-Dur und ist somit in dieser Art die einzige Komposition Bachs. Nun wird ja mittlerweile allgemein davon ausgegangen, dass diese Sonate aber doch wirklich aus der Hand Johann Sebastians stammt. Da allen anderen Flötensonaten mit obligatem Cembalo eine frühe Version für ein anderes Instrument zu Grunde liegt, war es naheliegend, die Ecksätze nach B-Dur zu transponieren und den Mittelsatz in g-Moll zu belassen und für die Blockflöte zu setzen – so wurde zunächst die Standard-Tonartenfolge wieder hergestellt. Schon während ich die transponierte Version schrieb, wurde klar, dass die Bass-Stimme an vielen Stellen deutlich ergonomischer „geknickt“ werden kann, oder gar nicht geknickt werden muss. Die Flötenstimme ist extrem hoch, was für Blockflöten-Partien bei Bach typisch ist, das Cembalo-Solo liegt viel besser in der Hand und klingt nicht so massiv und dunkel wie in der Es-Dur-Fassung.

 

Als Anne-Catherine Bucher und ich die Sonate dann das erste Mal probierten, wurde mir bewusst, dass es sich bei dieser Sonate vielleicht gar nicht um galanten Stil handelt, sondern dass die Flötenstimme vor allem von Einfachheit geprägt ist, was für mich wunderbar zu Bachs früher Idee von der Blockflöte passt. Es fehlt auch tatsächlich ein wichtiges Merkmal des Galanten Stils komplett: der übermäßige Gebrauch von Vorhalten aller Art – das Gegenteil sogar ist hier der Fall. Für meine Ohren und mein Spielgefühl geht das Konzept voll auf und ich bereue die Entscheidung nicht. Ob ich richtig liege, wer weiß? Jedenfalls „dient“ es dem Erkenntnisgewinn. Nach meiner Meinung spiegelt es ganz einfach eine andere Qualität von Bach wider: seine Vielfältigkeit. Dieser Mann konnte auch sehr gelöst sein. Ich habe mich oft gefragt: wenn man die Matthäuspassion nicht kennen würde , ob man Mache Dich mein Herze rein als eine Arie Bachs identifizieren würde. Mir ist natürlich klar, dass das schon eine andere Qualität hat und vor allem der Kontext innerhalb der Passion eine wichtige Rolle spielt. Trotzdem: Diese Arie klingt so heiter und gelöst, dass man sie Bach eigentlich kaum zutrauen würde.

 

MS: Zusammen mit meinem Nachfolger als Blockflötenprofessor in Frankfurt, Jan Van Hoecke, wirst du Peter Thalheimer und mich als Mitherausgeber der Tibia ab dem 1.1.2021 beerben.

Welche Ziele verbindest du mit dieser Aufgabe?

 

LS: Ich bin gespannt darauf! Jan und ich kennen uns noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass wir gute Ziele entwickeln werden. Momentan schweben mir Artikel vor, die mehr noch auch die anderen Holzblasinstrumente mit einbeziehen und solche, die noch weiter in das 19. Jahrhundert hinein reichen. Die Historische Aufführungspraxis bewegt sich derzeit sehr stark – wie ich finde, bestimmt nicht in allen Details zum Guten! Aber Dinge, die Jahrzehnte nicht mehr grundlegend diskutiert wurden, könnten neu beleuchtet werden, wie zum Beispiel Stimmtöne, Tempi, instrumentenspezifische Aufführungspraxis. Ansonsten läuft die Alte Musik vielleicht Gefahr, sich selbst zu begraben. Mir geht es dabei überhaupt nicht darum, unbedingt etwas neu zu machen, sondern in erster Linie um den schon oben angesprochenen Erkenntnisgewinn.

 

Meiner Meinung nach muss die Interpretation Alter Musik immer ein Status quo und gleichzeitig immer authentisch bleiben – ein Dilemma mit dem man arbeiten muss. Hier spielt natürlich die Neu- oder Andersbewertung der Quellen eine große Rolle, und das ist unsere große Chance, frisch zu bleiben. So wurde ein Quantz vor 50 Jahren sicher als Kontrastprogramm gelesen, während wir heute Einiges schon eher gut vereinbar zum modernen Flötenspiel erkennen können. Ich finde, dass man weg muss von der Einstellung, in der Alten Musik würde Alles ganz „anders“ gemacht! Das hatte einmal Gültigkeit, aber heute können schon junge Studenten, die gerade erst von der Musikschule kommen, eine recht geschmackvolle Telemann-Fantasie spielen. Das ist toll!

 

MS: Ich danke dir für das Gespräch und wünsche dir alles Gute für die Zukunft!

 

 

 

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