Foto: hirao-recorder.com
Die Nachricht vom Tod meines Freundes Shigeharu Hirao (geb.1950) hat mich tief berührt.
Ich hatte ihn kennengelernt während des ARD-Wettbewerbs 1978 in München, der zum ersten (und auch gleich wieder vorletzten) Mal auch für das Fach Blockflöte ausgeschrieben war.
Nach den drei Durchgängen fanden sich Shige und ich als die letzten verbliebenen Kandidaten: wir teilten uns dann den dritten Preis. Ich erinnere mich noch gut an das international übertragene Preisträgerkonzert, in dem Shige auf einer bereits von ihm selbst individuell „gevoicten“ Moeck-Altblockflöte in zutiefst beeindruckender Weise Hiroses Meditation spielte – zu der Zeit noch ein brandneues Werk.
Damals kündigte er schon an, dass er künftig seine Tätigkeiten als Blockflötist durch die des Flötenbauers erweitern wollte. Folgerichtig trafen wir uns dann in den nächsten Jahren einige Male in Amsterdam und Den Haag, wo Shige beim legendären Fred Morgan sein Handwerk lernte – und ich meine ersten Instrumente von ihm erstand.
Sein Blockflötenstudium hatte er zunächst an der Schola Cantorum in Basel bei Hans-Martin Linde und Jeanette van Wingerden absolviert. Ich erinnere mich noch an eine wunderbare Schallplattenaufnahme aus dieser Zeit mit italienischen Triosonaten in einer Besetzung mit ihm und Andreas Küng (Blockflöten), Yasunori Imamura (Laute) und seiner Frau, der exzellenten Gambistin Masako Hirao.
1980 ging Shigeharu zurück nach Japan, wo er fortan neben intensiver Tätigkeit als virtuoser Blockflötenspieler und Hochschullehrer seinen „Hirao Recorder Workshop“ gründete.
Als ich ihn in seinem Studio in Yokohama vor einigen Jahren besuchte, war ich restlos begeistert: er war immer noch forschend unterwegs und hatte einige Modelle entwickelt, die ich ihm am liebsten alle gleich abgekauft hätte, darunter eine einteilige van-Eyck-Flöte und eine mühelos zwei Oktaven spielende Bassblockflöte. Der Frankfurter Hochschule hatte er früher schon eine herrliche Altblockflöte in g nach Bismantova gebaut – zu der es von ihm mit dem Titel „Il Flauto Italiano“ auch die passende CD gab: mit hochbarocken italienischen Sonaten, die tonartlich auf einer g-Blockflöte besonders gut darstellbar waren.
An all seinen Instrumenten hat mich immer die extrem akribische handwerkliche Sorgfalt fasziniert, die dann zu Instrumenten mit unverwechselbarem Klang und perfekter Intonation führten: ein Resultat, bei dem die Qualitätsansprüche des Bauers und des professionellen Interpreten sich vereinten.
Shige hatte sich bereits seit einigen Jahren darum bemüht, seinen Sohn Seiji in den Workshop einzuarbeiten und ihm seine Erfahrungen weiterzugeben, was sich jetzt auszahlt, da Seiji nahtlos die Arbeit der Manufaktur weiterführen kann. Mein letztes Instrument, das ich von ihm gekauft hatte und das ich nach wie vor sehr liebe, war bereits von Vater und Sohn gemeinsam gebaut worden. Offenbar wurde Shige ab November 2025 von einer rätselhaften Gehirnkrankheit befallen, der er am 25. Januar 2026 erlag, laut Seiji „Peacefully, surrounded by his wife and son“.
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