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Tr!jo: Sonaten

Favourites – Telemann And His Subscribers

Rezensionen

 

- J. S.  Bach, CPE Bach, Janitsch, Pepusch und Telemann; Tabea Debus, Blockflöte; Lea Rahel Bader, Gambe; Johannes Lang, Cembalo und Orgel; TYXart 2019,  TXA 18106.

 

- Musik von Blavet, J. S. Bach, Händel und Telemann; Tabea Debus, Blockflöte; Claudia Norz und Henry Tong, Violine; Jordan Bowron, Viola; Jonathan Rees, Gambe und Cello; Tom Foster, Cembalo; TYXart 2019,  TXA 18107.

 

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man die Blockflötistin Tabea Debus zur außerordentlichen Telemann-Botschafterin Deutschlands in internationalen Diensten ernennen wird. Die Idee, vor zwei Jahren die 12 Telemann-Fantasien aufzunehmen und dazu 12 neue Kompositionen in Auftrag zu geben, ergab eine so stimmige Produktion und hervorragende Aufnahme, dass nur die eine Frage offenblieb: Warum war noch niemand vor Tabea auf diese geniale Idee gekommen? Die beiden neuen Aufnahmen vermitteln einen guten Eindruck, womit sich die deutsche Blockflötistin Tabea Debus nach den 24 Fantasien beschäftigt hat. Um es vorwegzunehmen: Sie hat es noch nicht geschafft, eine CD ohne Telemann aufzunehmen. Gleichermaßen in ihrem Mutterland wie in ihrer britischen Wahlheimat hoch geschätzt, spricht neben ihrem offensichtlichen Talent auch ihr ganz persönlicher Programmgeschmack für sie. Dabei wechseln sich ausgefallenen Ideen mit der, nennen wir sie „Stimme der Vernunft“ ab. So gesehen passt sie gut zu den anderen Inselbewohnern, denen man ja ein gewisses Maß an Exzentrik nicht abspricht. Ein Beispiel gelungener Programmierung ist die noch vor den Telemann-Fantasien veröffentlichte CD Cantata per Flauto. Auf dieser mixt sie u. a. das Telemann-Konzert TW 51:C1 mit Calliope Tsoupakis Charavgi, Thorsten Töpps A Due und zwei Stücke des polnischen Monteverdi-Zeitgenossen Adam Jarzebski.

 

Von den beiden hier vorgestellten CDs ist Favourites die gewagtere, sowohl was das Repertoire als auch die Interpretation angeht. Aber gerade im Vergleich und mit dem Wissen um Tabeas Wandlungsfähigkeit, kann man diesen Ausflug in die Bearbeitung von Orgelsonaten für ihr Tr!jo mit Lea Rahel Bader, Gambe und Johannes Lang, Cembalo und Orgel richtig genießen. Seien wir ehrlich: Musik wird in ebenso vielen verschiedenen Stimmungen interpretiert wie sie konsumiert wird. Nimmt man sich Zeit und konzentriert sich allein auf die Musik, entspannt auf seinem Lieblingsplatz im Wohnzimmer mit einer schönen Tasse Tee oder einem Glas Rotwein, kann man aufmerksam jeder Nuance folgen und genießt große theatralische Gesten. Aber es gibt auch das „nebensächliche“ Hören: man ist zugleich mit anderen Dingen beschäftigt und schätzt es gleichzeitig durch die Musik unterhalten zu werden. In dieser Situation werden gut komponierte elegante Linien, schöne Klangfarben und kleine Augenzwinker-Momente in einem insgesamt ruhigeren Fahrwasser mit Stücken, die ineinander fließen, höher geschätzt werden.

Wie die D-Dur Orgel-Sonate von Telemann, die in der Besetzung mit Gambe, Voiceflute und Cembalo samtige satte Klangfarben bietet und ein gelungener Einstieg in die CD ist. Das Continuo wechselt zwischen Cembalo und Orgel, was zur Farbigkeit beiträgt.

Johann Gottlieb Janitsch, als Kontrabassist in Diensten des Kronprinzen und späteren Preußenkönigs Friedrich II., war ein „guter Contrapunktist“, komponierte Quartette von hervorragender Qualität und hat der Nachwelt drei Dutzend herrlicher Triosonaten hinterlassen, in denen die Oboe oft eine der Oberstimmen besetzt. Wem diese Auswahl aber noch nicht genügt, der kann zu einer Orgel-Sonate greifen und diese als Trio arrangieren. Die Wahl fiel hier auf die Sonate d-Moll. Janitsch, der in vielen seiner Trios den Stil des „Sturm und Drang“ gerne verwendete, präsentiert sich in diesem Werk hochbarock und lässt nur das Grazioso „empfindsam“ klagen und sich um sich selbst drehen. Der Schlusssatz ist wieder dem Hochbarock entsprungen und artig, was keinesfalls als Kritik zu verstehen ist.

Das vorlaute, kurze Presto aus Carl Philipps 12 kleinen Stücken, WQ 81/H 600 trennt die beiden Triosonaten seines Vaters Johann Sebastian, BWV 1029, nach der Fassung für Gambe und BWV 527, einer der herrlichen Orgeltriosonaten, die es bereits in verschiedenen Bearbeitungen gibt und deren erster Satz sich hervorragend auf drei Blockflöten spielen lässt.

Die Gambensonate BWV 1029 in g-Moll ist bereits als Triosonate angelegt: auf dieser Aufnahme übernimmt die Blockflöte die Obligatstimme der rechten Hand des Cembalos. Hier kommt die Qualität des ganzes Tr!jos zur Geltung und der Ensemble-Dreiklang erblüht: Die Gambe singt und spricht ihre Stimme, die Blockflöte ist ein ebenbürtiger Partner und antwortet mit honigfarbenem Klang und der Cembalist präsentiert ein reiches, farbiges Continuo. Eine Besetzung, die ebenbürtig zu anderen Besetzungen ist. Das Unisono-Thema des ersten Satzes lässt an das 3. Brandenburgische Konzert denken. Die Soli stellen diesem ein eigenes kontrastierendes Thema entgegen. Im Adagio weben die beiden Oberstimmen über der schlichten Bassstimme ein ausdrucksvolles, von vielen Vorhalten durchzogenes fein gesponnenes Netz. Der Schlusssatz ist eine Fuge, deren ausgedehnte Zwischenteile ein neues, an königliche Wasserspiele erinnerndes, fließendes Thema einführen. Es entfaltet sich eine Komposition, die Elemente des empfindsamen Stils benutzt und belegt, dass der Vater auch wie die Söhne zu komponieren vermochte und Gefallen daran fand.

Mit der Trio-Sonata in F Dur, TWV 42:F3 endet diese Aufnahme mit einem der schönsten Mittelsätze, dem überirdisch schönen, langsamen mit Mesto überschriebenen Satz, gefolgt von dem federleichten und doch virtuosen Schlußallegro der 7. Triosonate aus den Essercizii Musici, die 1740 erschienen. Eine gute Visitenkarte für das junge Ensemble.

 

Favourites beginnt und endet – wie könnte es anders sein – mit Telemann.

Die C-Dur Sonate TVW 41:C2 für Blockflöte und Continuo aus Der getreue Music-Meister, der vor den Essercizii entstand, erklingt reich verziert und mit einer selbstverständlichen, fast lässig ausgeführten Virtuosität. Der Untertitel „Telemann and his Subscribers“ weist auf die engen Beziehungen hin, die die neben Telemann auf der CD vertretenen Komponisten hatten. Subskription war das zeitgenössische Wort für Abonnement, um sich vorab ein Exemplar der erscheinenden Noten zu sichern. Das funktionierte damals wie das heutige Crowdfunding, ohne das jedoch vorab Geld gezahlt wurde. Man bürgte mit seinem Namen.

Die zwischen den Komponisten herrschende Kollegialität, die bis zur Freundschaft reichte, inspirierte Tabea Debus, auch die Kompositionen der Herren zu mischen und als ein neues Ganzes zu präsentieren. Mit musikalischem Appetit stellt sie aus ihren Lieblingsstücken ein neues Menü zusammen. Arien aus verschiedenen Opern von Telemann und Händel werden zu einer fünf- und einer viersätzigen Blockflötensonate zusammengefasst. Im informativen Booklet kann man dazu lesen, dass Telemann als Direktor der Hamburger Gänsemarkt-Oper zwischen 1722 und 1738 insgesamt zwölf Opern Händels transkribierte und dabei neue Rezitative und gelegentlich die eine oder andere Arie in deutscher Sprache dazu komponierte. Tabea Debus führt im weiteren Text kurz in den emotionalen Hintergrund der Texte ein. Doch das Wegfallen der Lyrik fällt durch das Schaffen des neuen Kontextes, in den jede Arie durch das neue Arrangement eingebettet ist, weniger ins Gewicht. Die Konzentration auf die Musik und das Soloinstrument Blockflöte schafft einen anderen, auf jeden Fall interessanten, Zugang. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht, ob es dem Original gleichwertig ist, sondern erlaubt ist, was gefällt, „chacun à son goût“, jeder nach seinem Geschmack.

Nach dieser geglückten deutsch-italienischen Koproduktion, widmet sich Tabea Telemanns Reise nach Frankreich und verbindet dessen Arie Kränkt mich nicht, ihr nassen Augen mit instrumentalen Tänzen aus Blavets einzig erhaltener komischen Oper Le jaloux corrigé zu einer Suite. Die Arrangements der Arien und instrumentalen Zwischenspiele aus verschieden Opern bringen einen frischen Wind zwischen die bereits bekannten großen „Barock-Klassiker“. Man merkt auf einer fast unterbewussten Ebene, dass viele der Stücke zu einem anderen Zweck und in einem anderen Geist komponiert wurden. Gerade jener Gaumenkitzel und das erstaunte Zögern darüber macht den Reiz dieses Programmes aus. Der Hochbarock und der galante Stil verbinden sich so zu einem noch unterhaltsameren Ganzen und die feschen, leichten, spritzigen Zwischensätze lassen keine Ermüdung aufkommen.

Aber auch die Liebhaber von größeren Besetzungen werden auf dieser CD bedacht: Ein Kompliment an den Tonmeister, der mit einzeln besetzten Streichern und Continuo, einen üppigen Orchesterklang anbietet. Die zwei Sinfonien von J. S. Bach (prima und seconda parte BWV 35 und 156) erklingen ebenso wie das Telemann Konzert in F-Dur (TWV 51:F1) und geben dieser Aufnahme eine Bandbreite, die auch durch den Gebrauch von sieben unterschiedlichen Blockflöten nichts mehr zu wünschen übrig lässt.

 

Beide Aufnahmen sind sehr zu empfehlen. Man kann Tabea Debus und Ihren Kolleg*innen nur wünschen, dass ihre Experimentierfreudigkeit durch viele Konzerteinladungen belohnt werden wird. Und auf die nächste Aufnahme – es muss ja nicht immer Telemann sein – darf man sich bereits freuen.

 

 

 

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