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Nikolaus Delius (6.4.1926 – 22.5.2020) Berichte

 

 

In den wöchentlichen Repertoireklassen Frans Vesters im Königlichen Konservatorium in Den Haag wurde es als selbstverständlich erachtet, dass die Studenten ein Tibia-Abonnement hatten und auch über darin veröffentlichte Artikel diskutierten. Das galt nicht nur für die damals noch nicht so zahlreichen Spieler historischer Flöten sondern auch für Böhmflötisten, die natürlich ebenso mit der Aufführungspraxis der Musik des 18. Jahrhunderts vertraut gemacht werden sollten. So wurde der Name Nikolaus Delius auch in den Niederlanden ein Begriff.

 

Die große Flötenliteratur ist Teil des europäischen Kulturerbes. Ein Amsterdamer, der sein Grachtenhaus mit Fenstern aus Kunststoff versieht, bekommt einen Bußgeldbescheid. Ein Dürer-Gemälde mit Farben des 20. Jahrhunderts zu restaurieren, würde allgemeine Empörung hervorrufen. Musik des 18. Jahrhunderts aufzuführen, ohne Kenntnis der Aufführungspraxis und ohne dafür eine gute Ausgabe zu benutzen, gehört in die gleiche Reihe der Kultursünden. Dies gilt gleichermaßen für Musiker mit historischen sowie modernen Instrumenten. Nikolaus Delius, sowie einige andere Kollegen, haben in diesem Bereich eine Norm aufgestellt. 

 

So lag es auf der Hand, ihn für das erste Flötensymposium in Amsterdam im März 1983 für eine Vorlesung einzuladen. Es war eines der ersten europäischen Flötensymposien, wenn nicht das Erste überhaupt. Man gab sich Mühe, die Musik an erster Stelle zu setzen und nicht nur eine Bühne für Flötisten-Eitelkeiten zu bieten. Die Aktivitäten bestanden aus Unterrichtseinheiten, Konzerten und Vorlesungen für Böhmflötisten und Spieler von historischen Instrumente. Nikolaus Delius sprach über Tromlitz und seine Zeit.

 

Diese erste Begegnung mit ihm bedeutete für mich den Anfang einer langen Freundschaft mit einem Beichtvater in musikalischen Dingen. Glücklicherweise war er kein „Barockpolizist“: … mit einer Tasche voll Regeln (wie eine Sammlung Backförmchen) ist noch keine Musik zu machen (cum grano salis). Der Gebrauch alter Schulen und ihrer Regeln … sollte einfach nicht überbewertet werden, ohne sie deswegen entwerten zu wollen. Nutzen wir sie als die (notwendigen) Kinderschuhe des … guten Geschmacks. (Tibia 1/83, S. 248).

 

Nicht viel später trafen wir uns im Sommer in der Italienischen Kleinstadt Chiusi wieder, wo wir zusammen mit Robert Dick unterrichteten und bei gutem italienischen Wein diskutierten, z. B. über die Vorteile der Alexander-Technik für das Flötenspiel. Er zeigte großes Interesse und Begeisterung dafür, was zu diesen Zeiten bestimmt nicht als selbstverständlich galt. Unsere Gespräche setzten sich bis letztes Jahr fort – des Öfteren in einem italienischen Restaurant in Karlsruhe.

 

Da ich seinem Unterricht nie beiwohnte, habe ich Nikolaus Delius als Lehrer nicht kennengelernt, aber als er 1992 die Freiburger Hochschule verließ, ehrte Mirjam Nastasi ihn mit einer Festschrift, Travers und Kontrovers (Celle 1992, Moeck). Sie enthält Beiträge von u. a. Peter Reidemeister, Marcello Castellani, Dieter Klöcker, Hartmut Gerhold, Mirjam Nastasi, Ruth Wentorf und Jochen Gärtner.  

 

Die Leidenschaft, die er für die Literatur unseres Instrumentes zeigte, war vorbildlich. Eine riesige Incipit-Datei, die er zusammengestellt hatte, war dabei ein sehr bedeutendes Hilfsmittel. Mit Hilfe dieser Datei war er u. a. in der Lage, zahlreiche falsche Zuschreibungen zu korrigieren. Sie war auch Quelle für zahlreiche Ausgaben und Artikel, wobei mich sein oft sehr elegantes Deutsch neidisch machte und zum Lesen anregte.

 

Seine Bücher-, Noten- und Tonträgersammlung hat Nikolaus Delius der Bibliothek des Conservatorio „N. Paganini“ in Genua geschenkt. Mara Luzzatto beschreibt in Il Paganini 1/2015 (Quaderno del Conservatorio N. Paganini di Genova), S. 13–20 das „Dono Delius“. Die Sammlung setzt sich zusammen aus musikwissenschaftlichen Büchern, Notendrucken aus drei Jahrhunderten, Kopien von Manuskripten und Drucken aus zahlreichen europäischen Bibliotheken, eigenem Studienmaterial und CDs.

 

Nikolaus Delius starb am 22. Mai im Alter von 94 Jahren. In den Niederlanden gibt es ein Sprichwort, das besagt: „Wer schreibt, bleibt“.

 

Rien de Reede

 

 

 

Eine kurze, nicht vollständige, Übersicht seiner Publikationen:

 

Beiträge von Nikolaus Delius in Tibia (in chronologischer Folge):

Als Delius 1995 nach zwanzig Jahren das Herausgeberteam verließ, hieß es in Tibia: 1976 hat er Tibia mit aus der Taufe gehoben und sozusagen als primus inter pares zu dem mitgestaltet, was sie heute in der Fachwelt darstellt und es hat in diesen 20 Jahren kaum eine Woche gegeben, in der der Redaktion nicht etliches von ihm auf den Tisch kam ….

Vorzügliche Musiker wie Hartmut Gerhold, Peter Thalheimer und Michael Schneider folgten ihm als Mitherausgeber nach.

 

- Die erste Flötenschule des Barock?, in: Tibia 1/1976, S. 5–12.

- Gustav Scheck. Ein Porträt, in: Tibia 1/1976, S. 27–30.

- Internationaler Wettbewerb „Prager Frühling 1977“, in: Tibia 3/1977, S. 368–370.

- Auf geradem Wege zu krummen Hörnern oder Die Tuten des Otto Steinkopf, in: Tibia 3/1977, S. 361–364.

- Was war los in München? Ein Nachmittag beim Rundfunkwettbewerb der Klarinettisten, in: Tibia 1/1978, S. 36.

- Internationaler Instrumentalwettbewerb 1978 in Markneukirchen, in: Tibia 3/1978, S. 174.

- Heinz Holliger. Ein Porträt, in: Tibia 2/1982, S. 111–116.

- Quantz' Schüler. Ein Beitrag zur Genealogie einer Flötenschule, in: Tibia 3/1982, S. 176–184.

- Dr. Hermann Moeck zum sechzigsten Geburtstag am 16. September, in: Tibia 3/1982, S. 197.

- Urtext oder Bearbeitung?, in: Tibia 1/1983, S. 246–249.

- Ein Herz fürs Holz, in: Tibia 2/1983, S. 357.

- Neues zur Querflötenmechanik, in: Tibia 2/1984, S. 128.

- André Jaunet. Ein Porträt, in: Tibia 2/1986, S. 115–119.

- Eine tolle Erfindung, in: Tibia 1/1987, S. 366–367.

- Erich List. Ein Porträt, in: Tibia 2/1988, S. 100–106.

- Logicork - neu für Flötisten, in: Tibia 3/1988, S. 208–210.

- US-Patent: Ein neu konstruiertes Fußstück für Böhmflöten, in: Tibia 4/1988, S. 294.

- Handstütze für die Querflöte, in: Tibia 1/1989, S. 356.

- Marcello Castellani. Ein Porträt, in: Tibia 3/1989, S. 512-518.

- Wiederentdeckte italienische Klarinettenmusik, in: Tibia 1/1990, S. 41–42.

- Bodybuilder für Flötisten und andere Bläser, in: Tibia 3/1990, S. 213–214.

- Butterfly [Patent], in: Tibia 4/1990, S. 307.

- Am Rande vermerkt, in: Tibia 1/1991, S. 391–392.

- Johannes Hammig 80, in: Tibia 2/1991, S. 456–457.

- Das Letzte aus dem Norden, in: Tibia 2/1991, S. 460.

- Isang Yun. Ein Porträt, in: Tibia 2/1991, S. 443–450.

- Prager Frühling 1991 - bewölkt, in: Tibia 3/1991, S. 550–551.

- Roberto Fabbriciani. Ein Porträt, in: Tibia 4/1991, S. 622–627.

- Johannes Fischer: Allemande für Flöte und Generalbaß, in: Tibia 3/1992, S. XIII–XIX.

- Johannes Hammig gestorben, in: Tibia 2/1993, S. 471.

- Karlheinz Zoeller. Ein Porträt, in: Tibia 4/1993, S. 630–636.

- Ein Flötenkonzert von Leopold Mozart, in: Tibia 3/1994, S. 209–211.

- Dieter Klöcker. Ein Porträt, in: Tibia 2/1996, S. 107–115.

- Ilse Hechler. Ein Porträt, in: Tibia 1/1999, S. 355–363.

- Hartmut Gerhold 60, in: Tibia 4/1999, S. 644.

- Duette für zwei Flöten von Locatelli?, in: Tibia 4/2001, S. 639–643.

- Eine Sonate für Bruder Friedrich? Der Anonymus Herdringen Fü 3595a*, in: Tibia 4/2003, S. 571–577.

- Vom Handel mit Händel, in: Tibia 4/2016, S. 275–281.

- Unermüdlich bis zuletzt – ein Musiker und Forscher: Ingo Gronefeld †, in: Tibia 4/2019, S. 609.

 

Beiträge über Nikolaus Delius in Tibia:

- Hartmut Gerhold: Nikolaus Delius zum 65. Geburtstag. Brief eines Kollegen und ehemaligen Schülers in: Tibia 3/1991, S. 542–544.

- Sabine Haase: Abschied von der Hochschule [Nikolaus Delius], in:Tibia 1/1993, S. 381.

- Mirjam Nastasi: Ein Geburtstagsgruß für Nikolaus Delius, in: Tibia 2/2016, S. 92–94.

 

weitere Artikel:

- Von Raub- und anderen Drucken. Ein Exkurs, in: Festschrift für Hermann Moeck, Sine musica nulla vita, Celle, Moeck, 1997.

- Gregorio Sciroli e una ritrovata sonata per clarinetto del Settecento, in: Aulos III/1989, n. 1, S. 75f.

- Die Flötenkonzerte von Pietro Nardini, in: Festschrift für Frans Vester, Concerning the Flute, Amsterdam, Broekmans & Van Poppel, 1984.

 

Faksimile-Ausgaben:

- A. B. Fürstenau: Die Kunst des Flötenspiels (Flute Library), Buren, Frits Knuf, 1990.

- J. F. Kleinknecht: 5 Sonate und 6 Sonate, Firenze, SPES, 1995.

- W. Zimmermann/D. Mancinelli: 48 Capricci, Firenze, SPES, 2000.

 

Notenausgaben:

Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

- F. Schubert, Variationen über das Lied „Trockne Blumen“, D. 802 (mit Paul Badura Skoda).

 

Broekmans & Van Poppel, Amsterdam

- F. A. Hoffmeister, Duette op. 20 für zwei Flöten.

 

Moeck Verlag, Celle

- D. Bigaglia: Sonate F-Dur (orig. d-Moll) für Altblockflöte und B. c.

- F. Chauvon: Tibiades. Drei Suiten, für Flöte/Voiceflute/Oboe oder andere Instrumente und Generalbass

- D. Mancinelli: Quintette für 2 Tenorblockflöten, 2 Violinen und Violoncello

- M. Marais: Suite e-Moll für 2 Tenorblockflöten oder Voiceflutes und B. c.

 

Schott Music, Mainz

- Prélude, Cadence, Capriccio. 233 Solostücke und Übungen in allen Tonarten.

- M. Moyse: So blieb ich in Form. (Übersetzung von Comment j’ai pu maintenir ma forme).

- G. Sciroli: Sonata per clarinetto e basso continuo.

- A. Reichert: Werke für Flöte und Klavier.

- G. Briccialdi: Lohengrin-Fantasie für Flöte und Klavier.

u. w.

 

Universal Edition, Wien

- M. Marais: Suite in D für zwei Flöten und B. c.

- W.A. Mozart/A. Traeg: Sonate in A-Dur für Flöte und Gitarre.

 

Musikverlag Zimmermann, Frankfurt am Main

- M. Stabinger: 6 Quartette für 4 Flöten.

- C. A. Campioni: Sonata Pastorale für 4 Flöten und B. c. (oder 5 Flöten).

- C. J. Lidarti: Quartett C-Dur für 3 Flöten und Fagott.

u. w.

 

 

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