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ERTA-Kongress 2019 in Stuttgart Berichte

 

Vom 27.-29. September 2019 fand in der Stuttgarter Musikschule der diesjährige ERTA-Kongress mit dem Thema Originalmusik für Blockflöte – Spielen, Hören, Bewegen statt. Gut 60 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Tschechien, England und Norwegen hatten sich angemeldet, denen ein spannendes, reichhaltiges und äußerst abwechslungsreiches Programm geboten wurde:

 

Gleich zu Beginn stand das gemeinsame Spielen aller Teilnehmer im großen Blockflötenorchester auf dem Programm, dem an den beiden anderen Tagen noch zwei weitere Orchesterblöcke folgten. In den beiden ersten Blöcken studierte Chris Orton – sowohl studierter Blockflötist als auch Dirigent! – Birds and Chimes (2014) von Markus Zahnhausen und Colin Touchins Dance Rituals (2008) ein. Die Probenatmosphäre war eine gelungene Mischung aus professioneller Akkuratesse gemischt mit englischem Humor, so dass auch das Lachen nicht zu kurz kam. Am Sonntag leitete Peter Thalheimer, nicht weniger versiert und auf saubere Intonation bedacht, die Probe von Hans Ulrich Staeps Aubade und Tanz (1957) für Blockflöten SSAATB, Gitarre und Klavier. Die Mitspieler im Orchester hatten so die Möglichkeit, drei grundverschiedene zeitgenössische Werke kennen und spielen zu lernen, deren Klangsprache vom Spätimpressionismus über rhythmische Patterns bis hin zu geräuschhaften Sequenzen alles zu bieten hatte. Gerne hätten manche hier noch länger weitergeprobt, aber die Zeitfenster waren mit jeweils einer guten Stunde aufgrund des noch anstehenden Programms bewusst knapp bemessen.

 

 

Peter Thalheimer probt mit dem Blockflötenorchester
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Das Herzstück des Kongresses bildeten fünf große Literatur-Workshops zu unterschiedlichen Besetzungen. Die Dozenten stellten dabei Originalliteratur vor, die in den von der ERTA herausgegebenen Literaturlisten (online zu beziehen unter: www.erta.de/angebote/literaturlisten) gesammelt wurde, trennten Gutes von weniger Gutem – immer auch mit Blick auf die Verwendung im Unterricht. Richtungsweisende Kompositionen oder auch zu Unrecht vergessene Schätze wurden mit Unterstützung guter Korrepetitoren ausschnittsweise teils von den Dozenten vorgestellt, teils auch mit den Teilnehmern zusammen erarbeitet:

 

1. Blockflöte & Pianoforte (Hammerflügel): Nik Tarasov, Korrepetition: Andreas Skouras

Wie klingt Ernest Krähmer, wenn man seine Musik mit Csakan und Hammerklavier spielt? Wie klingt hingegen eine Altblockflöte beim gleichen Stück mit Hammerklavier oder mit modernem Flügel? Was ist das Besondere dieser Musik und mit welcher Spielart bringt man es am besten zur Geltung? Solchen Fragen ging Nik Tarasov in seinem Workshop nach, griff dabei durchaus auch selbst zum Csakan und spielte bravourös gemeinsam mit Ilse Strauß ein Rondeau für zwei Csakans und Hammerflügel. Allein schon dieser Workshop lohnte die Anreise zum Kongress!

2. Blockflöte & Orgel: Peter Thalheimer, Korrepetition: Michael Sattelberger

Diese vergleichsweise junge Besetzung hat ab ca. 1950 bis in die Gegenwart vieles an Kompositionen zu bieten, die bisher kaum von Blockflötisten gespielt werden. Peter Thalheimer erläuterte an Werken von Felicitas Kuckuck, Hans Chemin-Petit, Harald Heilmann und Helmut Bornefeld, welche musikalischen Schätze hier noch gehoben werden können, welche Spielart angemessen ist und welche besonderen Herausforderungen das Zusammenspiel mit einer Orgel erfordert. Spannend war für mich zudem, dass die Orgel der Hospitalkirche Stuttgart, wo der Workshop stattfand, von keinem geringeren als Helmut Bornefeld konzipiert worden war. Somit konnten auch zwei Werke von Bornefeld quasi im originalen Klangbild gespielt und gehört werden: Beim Florilegium (1977) griff Thalheimer selbst zu den diversesten Blockflöten und vermittelte einen bleibenden Eindruck dieser spannenden Musik.

3. Blockflöte & Klavier: Sabine Federspieler, Korrepetition: Andreas Skouras

Sabine Federspieler aus Wien gab zuerst selbst einige Kostproben aus dem äußerst reichhaltigen Repertoire des 20. Jahrhunderts für Blockflöte und Klavier – äußerst klangschön, lebendig und mit beindruckender Musikalität. Anschließend unterrichtete sie Teilnehmer an Werken z. B. von Poser, Staeps, Fortin und Lotz. Dabei legte sie besonderen Wert auf gute Atem- und eine stets an musikalischen Spannungsbögen orientierte musikalische Linienführung – Qualitäten, die leider bis heute in Blockflötenkreisen immer noch nicht selbstverständlich sind!

4. Blockflöte & Cembalo: Michael Hell, Cembalo

Michael Hell begann mit einem Vortrag, in dem er den erstaunten Teilnehmern verdeutlichte, dass der weitaus größte Teil des Repertoires für Blockflöte und Cembalo aus dem 20. Jahrhundert stammt – und eigentlich historisch gesehen auch auf den jeweiligen Cembali gespielt werden müsse, die es in der Kompositionszeit der Stücke gab. Man solle daher auch die alten Pedal-Cembali nicht so schnell entrümpeln... Anschließend erarbeitete er – selbst am Cembalo sitzend – mit den Teilnehmern Werke von Antony Hopkins, Edmund Rubbra, Herbert Murill, Colin Hand und Ruth Zechlin.

5. Blockflöte & Gitarre/Laute: Ilse Strauß, Korrepetition: Wolfgang Praxmarer

Das reichhaltige Repertoire für diese Besetzung wurde schon zu Beginn in einer Art imaginärer Musikschulaufführung deutlich, die Ilse Strauß mit einer großen Anzahl von Teilnehmern liebevoll durchführte: Anhand einer für Kinder bestens geeigneten Rahmengeschichte (eine Flaschenpost, die rund um die Welt wandert) wurde so die Musik verschiedenster Kontinente und Stilrichtungen zum Klingen gebracht. Im anschließenden Workshop wurden Beispiele von der Wiener Klassik bis in die Neuzeit vorgespielt und erarbeitet. Dabei beeindruckte sowohl Ilse Strauß selbst durch ihr exzellentes Spiel der verschiedensten Blockflötentypen vom Csakan über das französische Flageolett zur Tinwhistle und zu historischen Flöten der 30er-Jahre, als auch ihr Partner Wolfgang Praxmarer, der auf einem ganzen Arsenal an verschiedensten Instrumenten von der klassischen Gitarre mit Darmsaiten über die Knickhalslaute bis hin zu heute schon historischen Gitarren des frühen 20. Jahrhunderts äußerst einfühlsam und klangschön begleitete.

 

Als gute Ergänzung zu den Literaturworkshops wurde der (nach 25 Jahren!) komplett überarbeite neue VdM-Lehrplan für Blockflöte vorgestellt, der sich sehen lassen kann: Barbara Ertl, Gudula Rosa, Christina Hollmann, Peter Thalheimer, Tobias Reisige und Matthias Pannes ist es gelungen, in unzähligen Arbeitsstunden und gemeinsamen Sitzungen diesen Lehrplan auf den heutigen Stand zu bringen. Herausgekommen ist ein gut gegliedertes, übersichtliches Opus, in dem z. B. auch ein Lernfeld für „Ausdruck und Interpretation“ hinzugefügt wurde, das jeder Blockflötenlehrende besitzen sollte. Auch die Literaturlisten wurden komplett erneuert und bieten – im Unterschied zu den umfassenderen Literaturlisten der ERTA – jeweils eine Auswahl besonders lohnender Werke für die jeweilige Besetzung und Altersgruppe.

 

Nach oder vor den Workshops gab es für die Teilnehmer die Möglichkeit, selbst in Bewegung zu kommen. Dabei konnten sie aus verschiedensten Angeboten auswählen, die häufig zeitgleich und mehrfach in bestimmten Zeitfenstern angeboten wurden, so dass an verschiedenen Tagen die Möglichkeit bestand, auch mehrere dieser Angebote kennen zu lernen. Zur Auswahl standen Feldenkrais mit Ingeborg Dahlke und Volkmar Geisshardt, Lachyoga mit Elfriede Hirsch, Dalcroze-Rhythmik mit Chris Orton, Tanz (klassisch – modern – barock) mit Bernd Niedecken und Fingertechnik mit Peter Thalheimer.

 

Ein besonderes Highlight des Kongresses waren sicher die beiden Abendkonzerte: Am Freitag bot das Blockflötenorchester Picobella unter Leitung von Daniel Koschitzki ein sehr abwechslungsreiches Programm: Zwischen den Zeiten – Dialoge zwischen Renaissance und Moderne (Werke von M. Franck, Sören Sieg, M. Heuser, I. Farquar, J. H. Schmelzer, A. Challinger, A. Bassano, J. Coprario und D. Schnabel). Beeindruckend, wie rhythmisch präzise, klangschön und durchaus professionell im Auftritt hier ein reines Laien-Ensemble mit ca. 25 Spielern unter fachkundiger Anleitung agierte! Daniel Koschitzki hat sein Ensemble gut im Griff, leitet es an, musikalische Linien schön auszuspielen und hat ein sicheres Gefühl für eine dramaturgische Programmgestaltung. So wurde denn auch Sören Siegs Siku njema (2016) als Schlussstück zum quicklebendigen Höhepunkt des Programms. Hatten im ersten Konzert manche Teilnehmer bei den Renaissancestücken noch eine deutlich sprechende Artikulation vermisst, die hier zumeist der musikalischen Linie zum Opfer fiel, bewies das professionelle Blockflötenconsort B-Five am Samstagabend, dass beides zusammen durchaus möglich ist und kein Widerspruch sein muss. Das 2003 in Barcelona gegründete Quintett hat allerdings auch ein genau aufeinander abgestimmtes Renaissance-Consort zur Verfügung, dessen warmes und homogenes Klangbild verbunden mit einer äußerst musikalischen Spielweise vom ersten Stück an die Zuhörer in ihren Bann zog. Nach Werken von Bertali, Merulo, Bassano und Palestrina wechselte das Ensemble über drei Englische Tunes in die Moderne hinüber: anhand von exzellent vorgetragenen Werken von Stadlmaier, Biesemans, Staeps, Neyrick, Campo und Rütti wurde deutlich, welche Fülle an verschiedensten Facetten und Kompositionsstilen die neue Musik nach wie vor für Blockflötenensemble bereit hält.

 

Eine große Noten- und Instrumenten-Verkaufsausstellung am Samstag fand großen Anklang und sorgte dafür, dass so mancher Teilnehmer mit deutlich größerem Gepäck vom Kongress zurückkam, als er auf der Anreise dabei hatte. Schade nur, dass die Ausstellung nicht wie von der ERTA geplant im weitläufigen Foyer der Stuttgarter Musikschule stattfinden konnte, sondern aufgrund feuerpolizeilicher Bestimmungen ganz kurzfristig in zahlreiche (nicht immer leicht zu findende!) Unterrichtsräume verlegt werden musste. Das führte dazu, dass längst nicht alle Aussteller gleich gut frequentiert wurden.

 

Insgesamt war dieser ERTA-Kongress eine sehr gelungene Veranstaltung, die meine persönlichen Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Nik Tarasov, dem ganzen ERTA-Vorstand und allen Kollegen und Kolleginnen vor Ort, die für eine reibungslose Organisation sorgten, kann ich da nur herzlich gratulieren! Schade, dass nicht noch viel mehr Leute teilgenommen und die spannenden Workshops, Orchesterproben und Konzerte miterlebt haben. Gerade auch die jüngere Generation der jetzt Blockflöte Studierenden war zahlenmäßig sehr schwach vertreten, die in Veranstaltungen wie diesen so vieles hätte lernen können, was ihr im Studium nicht in dieser Form geboten wird. Hoffentlich spricht sich auch dort im Laufe der Zeit herum, welch gute und absolut wichtige Arbeit von der ERTA für Blockflötenlehrer*innen und den Blockflötenunterricht geleistet wird!

 

 

 

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