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Manfredo Zimmermann: Die Ornamentik der Musik im Barock Rezensionen

 

Handbuch für das eigenständige Verzieren, mit Live-Begleitungen und Klangbeispielen (downloadbare MP3-Dateien), Ettlingen 2019, Music-Ornaments, ISBN 9783748190073, 92 S., brosch., € 23,00

 

Betrachtet man die Entwicklung der Historischen Aufführungspraxis innerhalb der vergangenen Jahrzehnte, lässt sich rasch feststellen, dass auch diese gewissen Moden unterworfen war. In puncto Ornamentik heißt dies, dass zunächst vergleichsweise vorsichtig verziert wurde, schließlich mehr, inzwischen mitunter übers Ziel hinausgeschossen wird. Die Frage danach, ob und wieviel ornamentiert werden darf, steht somit nicht mehr an erster Stelle. Problematisch aber bleibt nach wie vor, in welchem Stilbereich welche Art von Ornamenten angemessen ist. Ein kritischer Blick auf etliche der jüngst erschienen CD Aufnahmen zeigt, dass die Art der Ornamentik oft mehr über die Spielerpersönlichkeit verrät als über die Idiomatik und das historische Umfeld der eingespielten Werke. Da klingt es dann nach dem Interpreten XY – aber so gar nicht nach Corelli, Telemann, Purcell oder Lully.

 

Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, hat der Block- und Traversflötist Manfredo Zimmermann vor dem Hintergrund seiner langjährigen Unterrichtserfahrung als Hochschulprofessor ein Handbuch zur „Ornamentik im Barock“ vorgelegt. Veranschlagt man die Epoche des Barock – wie allgemein üblich – von 1600 bis 1750, so trifft der Titel nicht den Inhalt des Werkes, welches sich im Grunde erst mit der Musik ab 1650 beschäftigt und den Bereich der älteren Diminutionspraxis nicht betrachtet. Ein Blick ins Verzeichnis der Sekundär-Literatur verrät, dass Zimmermann auf 15 Veröffentlichungen zurückgreift, von Beyschlag (1908) bis Kaiser (2010) – angesichts der erschlagenden Fülle von Fachbeiträgen zum Thema eine eher überschaubare Auswahl. Dazu kommt, dass der Autor im Text nicht verrät, wo er sich auf welche Quelle bezieht, sprich auf Fußnoten gänzlich verzichtet, sodass seiner Argumentation geglaubt werden muss, ohne sie überprüfen zu können. Auf S. 15 etwa heißt es: „Ab ca. 1670 wurde der Triller grundsätzlich von der oberen Nebennote begonnen.“ Ja, und wer sagt das? Selbst historische Aussagen, z. B. von Quantz, erscheinen kursiv im Text meist ohne jeden Hinweis, wo jene Passagen in der Quelle nachzulesen sind. Rasch kommt der Leser zu der Erkenntnis, dass das vorgelegte „Handbuch für das eigenständige Verzieren“ wissenschaftlichen Ansprüchen, wie sie im Studium allerdings bereits an eine jede Proseminararbeit (!) gestellt würden, nicht genügt.

 

Jenen Anspruch hatte Manfredo Zimmermann wohl auch nicht , wenn er ein Handbuch sozusagen aus der Praxis für die Praxis schreiben wollte. Dem Schüler bleibt also nur, sich vom Lehrer an die Hand nehmen und sich sagen zu lassen, wo es lang geht. Wer mit der behandelten Thematik hoch- und spätbarocker Musik vollkommen unvertraut ist, wird diesen Weg vielleicht beschreiten. Wer ernsthaftes Interesse hat, wird hoffentlich kritisch bleiben. Wer aber von der Sache schon einiges weiß, wird über viele Passagen die Stirn runzeln: So nennt Zimmermann als typisches Beispiel französischer Ornamentik ein Air von Montéclair mit seinen Doubles, die jedoch mit ausschweifenden Girlanden, die teils an Corelli erinnern, ausgerechnet Ausnahmefälle dafür darstellen, dass jener italienische Ornamentikstil offenbar im „gout ancien“ auch den Franzosen bekannt war. Ein jedes Stück von Hotteterre, Couperin oder irgendeinem französischen Komponisten wäre repräsentativer gewesen! Ein Kommentar wie der folgende kann hier auch kaum helfen: „Dieses Stück von … Monteclair zeigt uns auf wunderbare Weise die filigrane Ausgestaltung in den Doubles. Als Inspiration für ähnliche Sätze ist dies durchaus geeignet!“ Mag ja sein, aber wo finden sich denn ähnliche Stücke, und worin besteht die Ähnlichkeit? Irgendeine französische Sarabande, etwa von Dieupart, in dieser Manier auszugestalten, liefe wohl an der Sache empfindlich vorbei.

 

Im Weiteren werden originale ornamentierte Beispiele von Corelli, Tartini, Bach, Barsanti, Telemann, Quantz etc. vorgestellt, teils auf ihre unverzierte Fassung reduziert, neu „umornamentiert“, um daraus zu lernen – ein gutes Vorgehen! Die dazugehörigen Basso continuo Stimmen kann der Käufer per Link downloaden und sich in a1 = 440 oder 415 Herz begleiten lassen, ein schöner Komfort! Was allerdings vollkommen fehlt, ist die Analyse der vorgestellten Beispiele. Die Frage, was denn nun den Unterschied macht zwischen Corelli und Quantz, muss der Schüler selbst durch Vergleich der Notenbeispiele herauskristallisieren, und wie sich die Ornamentik-Stile zueinander verhalten oder auseinander entwickelt haben, wird nicht erläutert. So stehen die bekannten sieben ausgezierten Versionen zu einem Preludio Largo von Corelli (woher diese Zusammenstellung stammt, weist Zimmermann auch nicht nach!) einfach untereinander (von Geminiani über Dubourg bis zu den beiden Manchester Manuskripten) ohne Angabe, von wann sie datieren – einzig begleitet von folgendem Kommentar: „Es ist mehr als erstaunlich, welche kreative Vielfalt und Fantasiereichtum hier gebündelt sind. Da möchte man überhaupt nicht mehr unverzierte Musik spielen!“. Das ist löblich aber nicht hilfreich.

 

Es sei an dieser Stelle ein Exempel aus dem alltäglichen Unterricht statuiert: Der Schüler stellt die Frage, wie eine der Flötensonaten von Händel angemessen verziert werden soll? Eine naheliegende Frage, die sich jedem Block- und Querflötisten schon zu Beginn seiner Karriere stellt: Im Stil von Quantz oder Telemann, oder nach Corelli, oder nur mit den französischen „wesentlichen Manieren“? Mit Zimmermanns Buch lässt sich keine präzise Antwort finden: Ornamentale Beispiele aus Händels Umfeld – verzierte Arien, Cembalo- oder Oboenstücke von William Babell, die englischen Ornamente aus den vielen englischen Bläserschulen ab ca. 1680, ja selbst eine Auswertung der Barell organ-Aufnahme von Smith (einem einzigartigen HISTORISCHEN Klangdokument des 18. Jahrhunderts!) – alle nötigen Hilfestellungen bleiben unerwähnt. Ebenso unerfreulich würde ein Fazit ausfallen, würde man Rat suchen, wie mit Johann Sebastian Bach oder Antonio Vivaldi zu verfahren sei, von Henry Purcell ganz zu schweigen!

 

Ein Resümee fällt schwer: Zimmermanns Handbuch ist eine korrekte Materialsammlung mit brauchbaren Übungen, die zum üppigen Auszieren ermuntern – geradeso, als würde man ein Kind auffordern, munter drauflos zu plappern. Jeder vom Autoren im Literaturverzeichnis genannte Titel bearbeitet das Thema aber mit mehr Struktur, angefangen bei Adolf Beyschlag – und das bereits vor über einhundert Jahren.

 

 

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