Band II, Übungen zu Das Einmaleins des Übens, in deutscher und englischer Sprache, Moeck Verlag, Celle 2026, EM 2151, € 25,00

 

In unserer Gesellschaft haben wir mehr Freizeit als andere Generationen zuvor und gehen mit diesem Luxus fast selbstverständlich um. Kein schlechtes Gewissen plagt uns, eher das Bedürfnis, unsere freie Zeit noch aufzuwerten, indem wir sie sinnvoll gestalten. Wir pflegen unsere Hobbys mit Leidenschaft und sind motiviert, dazuzulernen.

 

Wie aber lernt man effizient und freudig, wenn es um das Spielen eines Musikinstrumentes geht? Warum nicht von den pädagogischen Erfahrungen eines erfolgreichen langen Arbeitslebens profitieren und mit dem Studium von Professor Bart Spanhoves Das Üben üben beginnen?

 

Seine Trilogie des Übens enthält den Anfangsband Das Einmaleins des Übens, der vor 10 Jahren erschien, gefolgt von zwei Materialsammlungen mit Anleitung, von denen hier nun die zweite und letzte vorliegt: 82 Seiten lang und zum Spielen auf der Altblockflöte gedacht. Mein Rat ist, von vorne anzufangen und sich zunächst mit dem Band von 2016 vertraut zu machen, bevor man mit der Materialsammlung beginnt.

 

In der zweisprachigen Einleitung benutzt Bart ein Kreisdiagramm, das in sieben Themenbereiche unterteilt ist, auf die er unser Augenmerk richtet: Sich durch Auswendig spielen frei vom Notentext zu machen, im nächsten Schritt sogar ohne Instrument mental zu üben; das Erlernen musikalischer Muster, melodischer oder rhythmischer Art zu favorisieren, um dieses musikalische Vokabular danach selbstverständlich und universell einzusetzen. Das Prinzip der rotierenden Aufmerksamkeit, mit der man nach und nach die Parameter Rhythmus, Artikulation, Dynamik, Intonation, Phrasierung, Ton- und Klangqualität, Agogik und musikalische Idee einzeln aufgreift und übt. Die allseits beliebten „Hacks“, anders ausgedrückt, Tipps und Tricks, die technisch und musikalische Aha-Erlebnisse auslösen, die sofort ihre Wirkung zeigen. Zwei weitere Themen sind technische Ratschläge und musikalische Vorschläge, um mögliche Interpretationen auszuloten. Dazu kann auch das Anhören von YouTube-Aufnahmen und Analysieren der gehörten Interpretationen gehören.

 

Bart Spanhove stellt die Musik des Barocks in das Zentrum seines Lehrwerks und entwickelt aus den typischen Melodie- und Rhythmusmustern und den rhetorischen Floskeln ein Regelwerk, das er per Intervall geordnet hat.

 

Er beginnt mit der Wechselnote, erst nach oben, dann nach unten, und setzt die beiden dann zum Doppelschlag zusammen. Als nächstes die Terz, als Sprung oder ausgefüllt, im Anschluss wieder die Kombination von Terz und Wechselnote, diesem Muster folgt er in immer größer werdenden Intervallen bis hin zur Oktave. Nicht nur die Intervalle werden größer, auch die diatonischen Ketten werden länger bis hin zur kompletten Tonleiter.

 

Beide Übungshefte haben dasselbe Vorwort, der 1. Band enthält aber einfachere Beispiele als der 2. Band. Das Verzeichnis der Komponisten liest sich wie das Who is Who der Barockmusik, wobei der deutsche Anteil überwiegt.

 

Musik ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Ich habe selten jemanden getroffen, der überhaupt keine Musik hört. Persönliche Erinnerungen, vom Mutterbauch an, sind an eine Vielzahl von Hörerfahrungen gekoppelt: schon wenige Takte eines Musikstücks genügen, um emotional in die Zeit zurückzukehren. Durch das eigene Musik machen, lässt sich diese „Superkraft“ weiterentwickeln. Kleine Dinge machen einem dabei Freude, wie geschmeidige Finger zu entwickeln, um sich an der Leichtigkeit und Mühelosigkeit zu erfreuen, oder sein Rhythmusgefühl zu verbessern und plötzlich Taktarten erkennen zu können. Oder seiner Zunge eine neue Fremdsprache beizubringen, um seine musikalischen Gedanken deutlicher zu artikulieren. Die Befriedigung, etwas zu lernen, kennt kein Alter. Die Inhalte der Materialsammlung sind unabhängig vom Level oder vom Instrument eine Bereicherung. Durch die Vielfalt der Denkanstöße lässt sich ein individualisiertes Üben erreichen, das weniger Durchhaltevermögen erfordert, sondern Belohnung in sich selbst ist.

 

Um unserem Üben mehr Struktur und Qualität zu geben hat Bart Spanhove mehrere Bücher geschrieben. Zitat: „Üben heißt, die Kraft und Schönheit der Musik jeden Tag aufs Neue zu erleben.“ Dieses Buch kann ein wertvoller Begleiter für ein langes musikalisches Leben sein.

 

 

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