6 National Airs with Variations, Op. 105 & Op. 107, Johannes Hustedt (flute), Sontraud Speidel (piano), Audite Musikproduktion, Detmold 2025, 1 CD, audite 97.822 

 

Diese insgesamt 16 kurzen Variationswerke über Volksweisen für Klavier und Flöte (ad libitum) Beethovens entstanden im Auftrag seines englischen Verlegers. Sie gehören eindeutig zu Beethovens Spätwerken, entstanden in Zeiten der späten Klaviersonaten und den riesig dimensionierten Diabelli-Variationen. Nicht in dem Schwierigkeitsgrad dieser Werke – da sie für die Hausmusik gedacht waren – aber in ihrer Raffinesse diesen vergleichbar. Die Flöte als Begleitinstrument (!) war auch aus diesen Gründen ein Wunsch des Verlegers. D.h. die Flöte sollte da im Titel ausnahmsweise auch an 2. Stelle stehen, zumal sie sogar weggelassen werden könnte. Das wäre trotzdem sehr schade, denn Beethoven setzt diese technisch einfache Stimme, oft mit großem Gewinn sehr gekonnt ein. Exemplarisch möchte ich das an den Variationen op. 107 Nr. 1 „I bin a Tiroler Bua“ darstellen. Wie oft in den Variationen spielt die Flöte im Thema entweder Grundtöne oder die Melodie in Oktaven mit, wobei hier schon bei der Wiederholung des Themas im Klavier die Flöte statt einer punktierten Halbe auf der Eins eine Pause hat, das tiefe es also erst auf der 2. Zählzeit in Erscheinung tritt. In der 1. Variation dominiert das Klavier in hoher Lage mit Binnenchromatik. In der 2. Variation spielt die Flöte das alpenländische Thema in tiefer Lage, das Klavier Varianten davon in 16teln im Bass. Die 3. Variation ist ein piano-Minore, jedoch nicht in es-Moll, sondern durch chromatische Verschiebung der Dreiklangsquinte in e-Moll! So etwas kann nur einem Beethoven einfallen, genauso wie die Idee auf dem vom Klavier in piano-Oktaven gespielten Thema zunächst nur auf der zweiten Zählzeit ein dreigestrichenes pianissimo-Achtel e der Flöte zu setzen, um im Laufe der Variation die Klavierstimme mit piano-Seufzern zu bereichern: eine lyrisch-melancholische Variante des an sich burschikosen Themas. Im Schluss-Maggiore-Allegro brilliert das Klavier mit springenden Achteltriolen, die Flöte hat eine gesanglich-melodische Gegenstimme in Vierteln. Wunderschön! In der Coda imitiert die Flöte das Klavier. So raffiniert geht es nicht immer zu. Gelegentlich gibt es in den Variationen auch Mini-Fugen, die Flöte spielt ihre Oktavmelodie auch mal als Bass oder in der Mitte. Gelegentlich gibt es lange Haltetöne in der Tiefe. Um es auf den Punkt zu bringen: die Flöte „begleitet“ nicht nur, sie setzt sozusagen diesen Meisterwerken noch Glanzlichter auf. Und genau diese Einfachheit der Flöte contra der Komplexität des Klaviersatzes genau und harmonisch zu treffen, ist die große Kunst in einer Aufführung. Sie ist in dieser Aufnahme von Johannes Hustedt (Flöte) und Sontraud Speidel (Klavier) voll gelungen. Auch wenn diese Gesamtaufnahme dieser selten eingespielten und aufgeführten Variationen nicht die erste ist – so gibt es u. a. eine von 1976 von Wolfgang Schulz und Rudolf Buchbinder – so ist sie dennoch sehr verdienstvoll, denn Beethoven ist auch in seinen „kleinen“ Werken ein großer Komponist, besonders wenn diese meisterhaft gespielt werden ein Genuss. Eine unbedingt empfehlenswerte Neuerscheinung, übrigens mit einer sehr instruktiven Einführung!

 

Gezeichnete Beiträge geben die Meinungen der Autoren wieder. Diese stimmen nicht grundsätzlich mit der Meinung der Herausgeber, der Schriftleitung oder des Verlages überein. Die weitere Verwendung von Beiträgen oder Auszügen daraus setzt das schriftliche Einverständnis des Urhebers bzw. des Nutzungsberechtigten voraus. Alle Rechte vorbehalten.