Mit Jesper Christensen hat uns am 8.7. dieses Jahres eine der ganz großen Persönlichkeiten der Historischen Musikpraxis verlassen. Seine Domäne waren das Cembalo- und Klavierrepertoire von 1600 bis ins 20. Jahrhundert sowie die Praxis stilistisch differenzierten Generalbassspiels. Als Universalgelehrter hat er aber mehrere Generationen von Musikerinnen und Musikern aller Sparten zutiefst beeinflusst: über sein langjähriges Wirken als Professor an der Schola Cantorum Basiliensis, in unzähligen Meisterkursen und Workshops auf der ganzen Welt und zuletzt durch seine Klavierklasse an der Frankfurter Musikhochschule.
Wie kein anderer der aufführungspraktischen Pioniere seiner Generation konnte Jesper Christensen vermitteln, wie sehr Intellekt und Intuition – in diesem Falle skrupulöse Quellenforschung auf der einen und tönende Interpretation auf der anderen Seite – sich nicht gegenseitig behindern oder ausschließen, sondern geradezu bedingen und in welch hohem Maße kompromissloser Anspruch an die eigene Arbeit und das Ziel eines beglückenden künstlerischen Resultats miteinander in Verbindung stehen.
Als echter Europäer – von Geburt Däne, danach wohnhaft in den USA, Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland – ausgestattet mit unermesslichem Wissen, durchdrungen von künstlerischen Visionen und begabt mit pädagogischen Zauberkräften und sprachlicher Virtuosität schenkte er unzähligen Musikerinnen und Musikern lange nachhaltende Inspiration.
Ich weiß, dass es Vielen so erging wie mir: Jahre nach Beendigung des eigenen Studiums und mitten im Beruf bewirkte die Begegnung mit Jesper Christensen die Erkenntnis, wie sehr es sich lohnt, als gesichert Gehaltenes von Grund auf noch einmal neu zu bedenken!
Flötenmusik hat er sich mehr als einmal intensiv zugewandt. Hier drei Beispiele:
1985 erschien im Basler Jahrbuch für Historische Musikpraxis Nr. 9 sein grundlegender Beitrag zur „Generalbasspraxis bei Händel und Bach“, in dem er der E-Dur-Flötensonate von J. S. Bach besondere Aufmerksamkeit widmete; mit der 1990 erschienenen Gesamtaufnahme der 12 Kammersonaten für Flöte und Generalbass von Johann Mattheson (zusammen mit dem Traversflötisten Toke Lund Christiansen) setzte er tönende Maßstäbe für die Praxis des Generalbassspiels; in Tibia 4/2017 hatte ich Gelegenheit, mit ihm auf Fragen zur a-Moll-Solopartita für Flöte einzugehen („Fresh view on Bach“).
Jespers wichtigstes Vermächtnis an uns dürfte die Erinnerung an persönliche Treffen mit ihm und an seine zutiefst beeindruckende Unterrichtstätigkeit sein. Nur zögerlich war er bereit, Ergebnisse seiner Forschungsarbeit auch drucken zu lassen oder bei Einspielungen mitzuwirken.
Dennoch seien alle, die ihn nicht persönlich erleben konnten, auf Veröffentlichungen von oder über ihn hingewiesen. Eine gut recherchierte Aufstellung mit Quellenangaben hiervon findet man im Wikipedia Artikel „Jesper Bøje Christensen“.
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