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Hans-Martin Linde: Lehrer, Mentor, Freund Berichte

 

 

 

zu Deinem 90. Geburtstag

 

L: Glückliche familiäre und nachbarschaftliche Umstände brachten mich 16-Jährigen in die unschätzbare Situation, zu Dir, lieber Hans-Martin, in den Privatunterricht kommen zu dürfen. Gleichsam Pilgerfahrten nach Basel waren es, zu Dir nach Hause und gelegentlich auch an die Schola. Du warst berühmt und alt, Berühmtheiten waren einfach alt, auch wenn Du, wenn ich nachrechne, gerade mal 38 Jahre alt warst. Du hast meinen Weg damals in entscheidendem Maße vorgespurt, sodass es nur folgerichtig war, bei Dir mit größter Begeisterung zu studieren. An manche Unterrichtsstunde mag ich mich erinnern, viele gingen vergessen, hinterliessen aber doch eine nie versiegende Spur von Neugier und Entdeckerlust. Dazu gehört wohl auch die Aufgabe eines zu improvisierenden Ricercar im Stil des Aurelio Virgiliano, eine Aufgabe, die Du mir vor meinem Diplom mit einem Brieflein in Deiner schönen Schrift zukommen ließest.

 

M: Bald nach Studienbeginn schon durfte ich mit einer ausgewählten Gruppe aus Deiner Klasse Deine Vortragsreihe zur Blockflöte am Radio wie auch an der Volkshochschule begleiten, unersetzliche und beflügelnde Erfahrungen, gleichsam Fenster in eine mögliche Zukunft. Später, immer noch während des Studiums, nahmst Du mich mit zu den Festspielen in Innsbruck, wo ich als pädagogisches Greenhorn als Dein Assistent, als „Professor“ gar, unterrichten durfte. Woran ich mich im Besonderen erinnere, war aber nicht diese Art von Begleitung, vielmehr die gemeinsame Bahnfahrt von Basel nach Innsbruck, wo wir uns auch – und weiß der Kuckuck, warum ich mich daran erinnere – über die Nouvelle Vague des französischen Films, über den Regisseur François Truffaut und seinen neusten Film La Nuit Américaine unterhielten. In diese Zeit fiel auch die Mitwirkung an Deinem Schallplatten-Projekt mit den Florentiner Intermedien, wobei es zur ansteckenden Begegnung mit dem legendären schwedischen Chorleiter Eric Ericson und seinen Sängern und Sängerinnen kam.

 

Es muss kurz nach meiner Diplomierung gewesen sein, als Du mich nach München empfahlst bzw. schicktest, um mit dem dortigen Heroen Karl Richter Bachkantaten aufzunehmen! Vielleicht tue ich Dir Unrecht: ich konnte mich aber nie ganz des Verdachts erwehren, dass Du ganz froh warst, dass ich Dich dort quasi vertrat, war doch die Richtersche Aufführungsart inzwischen ganz arg in Verruf geraten. Woran ich mich allerdings erinnere: als doch junges Blut – eine Art „quantité négligeable“ neben solchen Grössen wie Fischer-Dieskau und Peter Schreier – wurde ich höchstenfalls mehr oder weniger seriös genommen, auch dies eine Erfahrung. Gänzlich verschieden war das Erlebnis, mit Dir in Freiburg und später auch in Basel die F-Dur-Fassung des IV. Brandenburgisches Konzert zu spielen, beglückende Erfahrungen diesmal. Dass Du mich auch später noch empfahlst, wenn es um Konzert-Vertretungen ging, habe ich Dir immer hoch angerechnet.

 

F: Ungezählt – und gut aufbewahrt – sind Deine Briefe über alle die vielen Jahre hinweg und Deine Grüße „in langjähriger Freundschaft und Verbundenheit“, die Du mit den jeweils neusten Kompositionen mitschicktest. Zu besonderen Gelegenheiten legtest Du gar noch ein farbiges Bild, eine Skizze auch oder eine Collage aus Deinem bildnerischen Schaffen bei, Facetten Deiner weitgestreuten Betätigungsfelder und Interessen. Als kleines Dankeschön durfte ich mich zu Deinen verschiedenen Geburtstagen und auch zu Deiner Pensionierung, teils wieder mit meinen Studierenden, mit diversen auch eigenen musikalischen Gaben revanchieren.

 

So wurdest Du vom verehrten Lehrer – der Du aber in gewisser Hinsicht immer geblieben bist – zum Mentor, zum Begleiter, zum freundschaftlichen Begleiter, zum Freund. Ich bin Dir seit langem und für immer dankbar dafür.

 

Und noch etwas: dass Du im letzten Herbst mit leuchtenden und lebhaften Augen beim herrlichen Fest für meine eigene Pensionierung dabei sein konntest, war ein ganz besonderes und berührendes Geschenk! Oft wird es ja nicht vorkommen, dass der Vorgänger bei der späten Pensionierung seines Nachfolgers dabei ist.

 

In herzlicher Verbundenheit danke ich Dir und wünsche Dir nur Gutes zu Deinem 90. Geburtstag!

 

Dein Conrad, zum 24. Mai 2020

 

 

 

Die TIBIA-Redaktion schließt sich den guten Wünschen an und gratuliert ihrem langjährigen Rezensenten (1998–2014) auf das Herzlichste.

 

In Tibia sind über Hans-Martin Linde folgende Beiträge erschienen (in chronologischer Reihenfolge):

 

Gerhard Braun: Hans-Martin Linde. Ein Porträt (Tibia 2/1978, S. 101–105, Jg. 3, Bd. 2)

Ulrich Thieme: Hans-Martin Linde wird 60. Ein Porträt (Tibia 3/1990, S. 199, Jg. 15, Bd. 8)

Siegried Busch: Abschied von der Schola [Hans-Martin Linde] (Tibia 1/1996, S. 37, Jg. 21, Bd. 11)

Günther Höller: Hans-Martin Linde wird siebzig (Tibia 2/2000, S. 128–129, Jg. 25, Bd. 13)

Bernhard Drobig: Mit Bedacht zum Erfolg. Hans-Martin Linde. Ein Porträt (Tibia 4/2000, S. 279–286, Jg. 25, Bd. 13) 

Rabbe Forsman: Lindes Blockflötenkonzert wird ein Klassiker (Tibia 2/2001, S. 483, Jg. 26, Bd. 13)  Dagmar Wilgo: Hans-Martin Linde - Horizonte (Ein Künstlerporträt) (Tibia 1/2013, S. 361–363, Jg. 38, Bd. 19)

 

 

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